Vortrag bei GAM, 22. April 2026, 18:30-20:00 Uhr, HS 30

Lukas Nickel (Wien): Maria Theresia und China

Lukas Nickel (Wien): Maria Theresia und China

In Kooperation mit der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts

Kommentare: Franz L. Fillafer, Monika Lehner, Werner Telesko und Cornelius Zehetner

Moderation: Thomas Wallnig

Hybrid – vor Ort und online unter:

https://univienna.zoom.us/j/66961712125?pwd=Mk3zgDpiXsONIeYx654KB9Aqwdx92a.1

Abstract:

Maria Theresia richtete in allen Palästen, die sie regelmäßig besuchte, chinesisch inspirierte Räume ein. Schönbrunn, Laxenburg, Schloss Hof, Niederweiden, Holitsch und das für ihre Mutter hergerichtete Hetzendorf erhielten Kabinette und Säle, deren Wandmalereien, Papiertapeten, Lackpaneele und Specksteinschnitzereien auf China verwiesen. Nur in der Hofburg verzichtete sie auf die Einrichtung eines chinesischen Zimmers. In ihrer Vorliebe für chinesisch-inspirierte Kabinette stand die Erzherzogin nicht allein. Zahlreiche Herrscherhäuser in Europa bedienten sich chinoiser Raumdekorationen. Im internationalen Diskurs um Chinoiserie blieb die Habsburgerin, trotz der Vielzahl der von ihr eingerichteten Chinaräume, allerdings bisher meist eine Randnotiz. Tatsächlich erlauben die chinesischen Räume der Maria Theresia einige Beobachtungen, die zu diesem Diskurs beitragen können. Sie zeichnen sich durch Eigenschaften aus, die nahelegen, dass die Wahl des Designs nicht zufällig war. Sie lagen an wichtigen Positionen nahe des rituellen Zentrums des Palastes oder der Apartments der Herrscherin. Die China-Referenzen waren explizit und unübersehbar sowie eindeutig und ohne Vermischung mit Hinweisen auf andere Länder. Zudem ist es wahrscheinlich, dass Maria Theresia selbst Einfluss auf die Gestaltung solcher Räume nahm. Diese Punkte widersprechen einer etablierten Vorstellung, nach der Chinoiserie einfach nur eine weit verbreitete, leichtfertige und oberflächliche „Mode“ darstellte. Der Diskussionsbeitrag wirft die Frage auf, warum die Erzherzogin in ihrer Herrschaftsrepräsentation so extensiv auf China verwies und wie weit sich die Ideen, die die Räume kommuniziert haben mögen, entschlüsseln lassen.

Zu den Vortragenden:

Lukas Nickel studierte Sinologie, Archäologie und ostasiatische Kunstgeschichte in Berlin, Halle und Heidelberg und forschte und lehrte in Köln, Zürich und London, bevor er auf den Lehrstuhl für Kunstgeschichte Asiens an der Universität Wien berufen wurde. Ein Fokus seiner Forschung ist die Kunst Chinas im Eurasischen Kontext.

Franz L. Fillafer, Historiker, seit 2025 Principal Researcher am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW. Zuvor forschte und lehrte er in London und Cambridge, Florenz und Konstanz. Arbeitsschwerpunkte u. a. Geschichte des habsburgischen Zentraleuropa im globalen Kontext. Jüngste einschlägige Buchveröffentlichung: Aufklärung habsburgisch: Staatsbildung, Wissenskultur und Geschichtspolitik in Zentraleuropa, 1750–1850 (2. Aufl., Göttingen: Wallstein 2022).

Monika Lehner studierte Geschichte und Sinologie in Wien. Sie forscht zu europäisch-chinesischen Kontakten, zu Kulturgeschichte und zu Chinabildern im Wandel der Zeit (u. a. in Karikaturen und Bilderzählungen). Ein Fokus ihrer Forschung ist die europäische Wahrnehmung Chinas bis 1750.

Werner Telesko studierte Kunstgeschichte an der Universität und arbeitet in verschiedenen Funktionen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wesentliche Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind die mitteleuropäische Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts und die frühneuzeitliche Mediengeschichte.

Cornelius Zehetner ist Präsident der Gesellschaft für Phänomenologie und Kritische Anthropologie, Wien (seit 2003) und Vizepräsident der Michael Benedikt-Gesellschaft zur Erforschung der Aufklärung in Mittel- und Osteuropa, Budapest (seit 2013). Nach Studium der Philosophie, Germanistik, Psychologie, Pädagogik 20 Jahre Lehrbeauftragter am Institut für Philosophie an der Universität Wien. Seit 2021 leitet er ein „Kolloquium zur chinesischen Philosophie“ am Konfuzius-Institut an der Universität Wien.

Rückfragen: martina.fuchs@univie.ac.at