Vortrag bei GAM, 16. Dezember 2015

Falk Bretschneider: Fraktale Vergesellschaftung. Das Alte Reich als ein Phänomen der Verflechtung

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Katrin Keller

Abstract:
Bis heute wird das Heilige Römische Reich Deutscher Nation von der Geschichtswissenschaft vor allem mit den Kategorien der modernen politischen Theorie untersucht. Wer sich hier jedoch auf die Suche nach „Staat" und „Souveränität" macht, kommt nahezu zwangsläufig zu verwirrenden und oft wenig zufriedenstellenden Ergebnissen. Die Metapher der Fraktalität ist deshalb ein Vorschlag, das Reich aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten: dem der Verflechtung. Denn anders als es die traditionelle historiographische Arbeitsteilung zwischen „Landesgeschichte" und „Reichsgeschichte" suggeriert, war das Alte Reich eine Gesamtgesellschaft, in der sich das soziale Handeln der Akteure oft nicht auf eine Ebene (lokal, territorial, imperial) beschränkte, sondern sie alle gemeinsam mobilisierte. Diese Dynamik in den Blick zu nehmen heißt deshalb, sich für einen Moment vom Staatsbildungsprozess abzuwenden und nach den spezifischen Formen zu fragen, welche die Interaktionen der sozialen Akteure im Reich annahmen. Methodisch braucht es dazu vor allem einen permanenten Wechsel der Beobachtungsmaßstäbe, der das Alte Reich nicht mehr als ein Problem seiner „Etagen", Schichten" oder „Stockwerke" versteht, sondern als eine Erfahrungswelt, die alle seine Bewohner teilten.

Zur Person:
Dr. Falk Bretschneider ist seit 2008 Maître de conférences (Associated Professor) an der École des hautes études en sciences sociales Paris. Forschungsschwerpunkte: Sozialgeschichte von Justiz und Strafvollzug, Raumgeschichte, Geschichte des Alten Reichs.