Geschichte am Mittwoch

Programm WS 2014/15

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Andrea Brait
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

8. Oktober 2014

Susanne Rieper: Illegalisierte TunesierInnen in Mazara del Vallo, Sizilien. Die Entstehung moderner SklavInnen

Vorstellungsvortrag als Bewerbung für ein Lektorat am IfGModeration: Kirsten RütherAbstract:Illegalisierte TunesierInnen verrichten in Mazara del Vallo extrem arbeits- und sozialrechtlich deregulierte Arbeit. Als Hilfskraft in Dienstleistungsunternehmen oder als Erntehelfer in der Landwirtschaft arbeiten sie ohne die Ausstellung eines Arbeitsvertrags für einen Stundenlohn um die drei Euro. Nicht immer wird dieser ausbezahlt. Ein Arbeitstag dauert meist bis zu zehn Stunden, wobei die Arbeit körperlich anstrengend ist. Das Recht auf gesundheitliche Absicherung oder Urlaub bleibt ihnen verwehrt.Seit den 1980er Jahren ist die gesamte italienische Wirtschaft von einer arbeits- und sozialrechtlichen Deregulierung der Arbeitsverhältnisse betroffen, kleine und mittlere Unternehmen sowie die Landwirtschaft und der Dienstleistungssektor sind sogar von einer extremen arbeits- und sozialrechtlichen Deregulierung betroffen. Anhand seiner „Einwanderungspolitik" erschafft der italienische Staat seit 1990 Arbeitskräfte, welche bereit sind, extrem arbeits- und sozialrechtlich deregulierte Arbeit zu verrichten. Italienische „Einwanderungspolitik" steht somit im Dienste der italienischen Arbeitsmarktpolitik.

Zur Person:
Susanne Rieper, Jahrgang 1983, in Südtirol, Italien aufgewachsen, beschäftigt sich im Rahmen von journalistischen, künstlerischen und filmischen Arbeiten mit Migration. Derzeit schreibt sie an der Universität Wien ihre Doktorarbeit über die illegalisierte Arbeitsmigration von TunesierInnen nach Italien.

15. Oktober 2014

Sarah Pichlkastner: Spital mit Wirtschaftsbetrieb oder Wirtschaftsbetrieb mit Spital? Einblicke in die Strukturgeschichte des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract:
Das Mitte des 13. Jahrhunderts gegründete Wiener Bürgerspital bildete in der Frühen Neuzeit die zentrale Armen- und Krankenversorgungseinrichtung der Stadt. Der im 19. Jahrhundert abgerissene riesige Gebäudekomplex erstreckte sich zwischen Kärntner Straße, Neuem Markt, Lobkowitzplatz, Albertina und dem heutigen Hotel Sacher. Die überlieferten Archivalien und dabei vor allem die erhaltenen Rechnungsbücher des frühneuzeitlichen Wiener Bürgerspitals vermitteln den Eindruck, dass es sich dabei um einen umfangreichen Wirtschaftsbetrieb handelte, der sozusagen als soziale Verpflichtung nebenbei noch ein Spital führte. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Spitäler wurden jedoch anders als heute nicht aus der öffentlichen Hand beziehungsweise über Versicherungen unterstützt, sondern finanzierten sich selbst: Von den Gründern und späteren WohltäterInnen mit umfangreichem Besitz und Einnahmequellen ausgestattet, war das Wiener Bürgerspital Wein- und Bierproduzent, Ackerbauer, Grundherr, Kreditgeber und vieles mehr. Der Vortrag soll erste Ergebnisse der derzeit laufenden strukturgeschichtlichen Untersuchung zum Wiener Bürgerspital vorstellen und gleichzeitig einen Ausblick auf die im Anschluss geplante tiefgehende Untersuchung zu InsassInnen, Personal und innerer Organisation geben. 

Zur Person:
Studium der Geschichte sowie des Masterstudiums „Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft" an der Universität Wien, seit 1. Oktober 2013 Mitarbeiterin im FWF-Projekt „Insassen, Personal und Organisationsform des Wiener Bürgerspitals in der Frühen Neuzeit" (Leitung: Martin Scheutz). 

22. Oktober 2014

Richard Lein: Škoda, Bata, Švejk. Wirtschaftliche Aspekte der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens 1938-1945

Moderation: Andrea Brait

Abstract:Obwohl das Deutsche Reich seine aggressive Außenpolitik gegenüber der Tschechoslowakei in den späten 1930er Jahren zumeist mit der Sudetenfrage in Verbindung brachte, ist evident, dass Berlin weniger an Minderheitenfragen, als viel mehr in den industriellen Kapazitäten des Landes interessiert war. Nachdem offensichtlich war, dass Deutschland aufgrund des Mangels an Produktionskapazitäten und Rohstoffen nicht in der Lage sein würde, die im Vierjahresplan von 1936 definierten Ziele (Kriegsbereitschaft und Autarkie bis 1940) zu erreichen, gerieten die Tschechischen Länder, das vormalige industrielle Herz der Habsburgermonarchie, immer stärker in die Interessenssphären deutscher Expansionspolitik. Nach der endgültigen Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren" im März 1939 wurde die tschechische Industrie tatsächlich zu einem wesentlichen Faktor in der deutschen Kriegswirtschaft, nicht zuletzt, da sie über große Produktionskapazitäten, umfangreiche Materialreserven sowie eine gut ausgebildete Arbeiterschaft verfügte, die zum überwiegenden Teil vom Wehrdienst freigestellt war. Darüber hinaus lagen Böhmen und Mähren für lange Zeit außerhalb der Reichweite alliierter Bomber, was, in Verbindung mit dem nur schwachen zivilen Widerstand in den tschechischen Ländern eine fast ungestörte Fortsetzung der Kriegsproduktion bis zum Kriegsende im Mai 1945 ermöglichte.

Der Vortrag wird sich nicht nur mit der grundsätzlichen Bedeutung Böhmens und Mährens für die deutsche Kriegswirtschaft beschäftigen, sondern auch auf die Frage eingehen, wie sich die deutsche Besatzung auf das Alltagsleben der tschechischen Bevölkerung auswirkte. 

Zur Person:
Mag. Dr. Richard Lein, 2000-2009 Studium der Geschichte an der Universität Wien, 2009 Promotion zum Thema "Das militärische Veralten der Tschechen im Ersten Weltkrieg", 2006-2011 Assistent am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien, seit 2011 Oberassistent an der Andrássy Universität Budapest.

29.10.2014

Patrick Poppe: Translatio Europae? Kulturelle Transferdiskurse europäischer Humanisten im Kontext des Falls von Konstantinopel

Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract:
Eine sogenannte “islamische Herausforderung Europas” ist kein singulärer Zustand der Moderne, sondern lässt sich vielmehr epochenübergreifend an vielen Krisenmomenten in der Geschichte Europas nachweisen und untersuchen. Hierbei sticht jedoch gerade ein Ereignis aufgrund seiner Tragweite, Rezeption und Bedeutung für das Europa der Moderne heraus – der Fall von Konstantinopel am 29. Mai 1453 und die anschließende Ausbreitung des Osmanischen Reiches in Europa. Bekannte politische Persönlichkeiten belebten zunächst, in unmittelbarer Reaktion, die Kreuzzugsidee als ein klassisch mittelalterliches Instrumentarium der Krisenbewältigung wieder. Parallel sah sich ein Kreis europäischer Humanisten vor die Herausforderung gestellt, den Osmanen auf alternativen Wegen zu begegnen. In diesem Diskurs bediente man  sich bekannter europäischer Übertragungsideen wie der translatio studii, translatio imperii,  translatio religionis sowie einer translatio Troiae,  um den Neuankömmlingen in Europa zu begegnen.
Mithilfe der historischen Kulturtransferforschung sowie der Ideengeschichte soll der Frage nachgegangen werden, wie sich Konzepte im Gelehrtendiskurs der europäischen Renaissance der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verbreiten und etablieren konnten, die eine ‘Übertragung’ der europäischen kulturell-religiösen, ethnologischen sowie politischen Kultureme auf die Osmanen zum Zweck ihrer Adaption und Integration im christlichen Europa verfolgten. Letztendlich soll damit sowohl die Herausbildung von Identifikations- und Strukturmerkmalen des vormodernen Europa als auch der Versuch von deren ‘Übertragung’ auf die Osmanen historisch erarbeitet werden.

Zur Person:
Sektionsleiter am Forschungsportal Hermeneutik und Kreativität, Abteilung  “Translatio studii” als Übersetzung von Religion und Kultur, sowie Dozent im Fachbereich Geschichte und Theologie an der Universität des  Saarlandes.

5. November 2014

Christoph Rella: „Du mein einzig Geliebter" - Der außergewöhnliche Briefwechsel zwischen Camilla Köhler und Tonio Rella 1905-1917. Inhalte, Zugänge, Methoden 

Vorstellungsvortrag als Bewerbung für ein Lektorat am IfG

Abstract:
Sommer 2004. Aus dem Nachlass meiner Großeltern fallen mir zwei alte Koffer in die Hände. Sie sind unverschlossen, bergen aber dennoch einen unerwarteten Schatz. Den Briefwechsel meiner Urahnen Camilla Köhler und Tonio Rella, 1.382 Dokumente aus der Zeit von 1905 bis 1917. Sie sind sehr gut erhalten und auch leicht leserlich.
Inhaltlich wartet der Briefwechsel mit Überraschungen auf und gibt Aufschluss über das Handeln und Denken der Menschen jener Zeit, und das nicht nur mit Blick auf die Ereignisse des Ersten Weltkrieges. Tonio war Cousin, Camilla Cousine. Er wurde im mährischen Brünn, sie im krainischen Laibach geboren. Er hatte italienische, sie böhmische Vorfahren. Er war der Sohn eines Bauingenieurs, sie die Tochter eines k.u.k. Oberstabsarztes. Er besuchte ein Wiener Gymnasium, sie die Schule in Sarajevo. Er war zum Zeitpunkt der Hochzeit 24, sie 35 Jahre alt. Er war Mathematiker, sie Leiterin einer Sommerfrischepension am Semmering. Er war Kommandant einer 30,5-Mörserbatterie, sie Namensgeberin und Patin der Waffe, mit der ihr Gatte 1915 an die Front zog ...
Ziel der Lehrveranstaltung ist es, ausgehend von diesem Briefwechsel, nicht nur interessante Inhalte zu den Komplexen Politik, Militär, Krieg, Beziehung, Familie, Geschlechterverhältnis, Feldpostwesen  etc. zu erörtern sowie einen alternativen Zugang zum Thema Erster Weltkrieg zu finden, sondern auch die Methoden für den wissenschaftlichen Umgang mit Primär- und Sekundärquellen zu vermitteln.

Zur Person:
Geb. 1979, Studium der Politologie und Geschichte, Diplomarbeit (2005) und Dissertation (2008); Feldforschungsaufenthalte in Westafrika und in der Karibik; Journalist, Reiseleiter, Historiker und Buchautor; Monographie „Im Anfang war das Fort" (2010).

12. November 2014

Andreas Plackinger (München): Michelangelo als Mörder? Wechselwirkungen von Kunst und Anatomie im 16. und 17. Jahrhundert

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract:
Spätestens seit Richard Carpenters Experience, Historie and Divinitie (London 1642) kursierte die schwarze Legende vom mordenden Michelangelo. Vorzugsweise in der Viten- und Guidenliteratur wurde wiederholt berichtet, der gefeierte Künstler habe ein Modell ans Kreuz geschlagen und schließlich getötet, um auf diese Weise das Leiden Christi möglichst überzeugend dal naturale im Kunstwerk wiedergeben zu können. Im Zusammenhang mit diesem ominösen Kruzifix, das noch den Marquis de Sade während seiner Italienreise beschäftigten sollte, wurde bereits im 17. Jahrhundert auf den antiken Ursprung dieses Erzählmotivs - das gemarterte Modell des griechischen Malers Parrhasios - hingewiesen. So überzeugend diese Herleitung auch sein mag, sie liefert noch keine Erklärung dafür, warum der Mythos vom mordenden Maler gerade auf Michelangelo übertragen wurde und dadurch eine Renaissance erlebte. Ziel dieses Vortrags ist es daher, eine andere Wurzel dieses düsteren Narrativs freizulegen: die enge Verknüpfung von Kunst und Anatomie im italienischen Cinquecento, eine Allianz für die Michelangelo wie kein Zweiter stand. Es soll gezeigt werden, dass die vielfältigen Wechselbezüge zwischen ästhetischem und wissenschaftlichem Diskurs um Michelangelo und Vesalius nicht nur die Möglichkeit boten, zentrale kunsttheoretische Positionen zu veranschaulichen, sondern auch eine Quelle des Unbehagens und der Angst darstellten.

Zur Person:
Dr. des. Andreas Plackinger aus Seligenstadt bei Frankfurt am Main ist Volontär/Curatorial Assistant an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München. Er studierte Kunstgeschichte, Neuere und Neueste Geschichte sowie klassische Archäologie in München, Paris und Venedig, war 2010-2011 als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Ruhr-Universität Bochum tätig, danach Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und im Fall Semester 2012 als Visiting Researcher an der UC Berkeley. Im Wintersemester 2013/14 Abgabe und Verteidigung der Doktorarbeit Violenza - Gewalt als Denkfigur im michelangelesken Kunstdiskurs (Publikation in Vorbereitung). Veröffentlichungen zu Parmigianino, Caravaggio sowie diverse Katalogbeiträge und Buchbesprechungen.

19. November 2014

Martin Schaller: Arbeiten mit digitalisierten und digitalen Quellen: Herausforderungen und Chancen am Beispiel des Europeana Newspapers Projects

Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract:
Das Europeana Newspapers Project ist ein europaweites Projekt zur Digitalisierung von Zeitungen. Über nur ein Zeitungsportal werden 10 Millionen, nach Volltext durchsuchbare, Zeitungsseiten von verschiedensten europäischen Bibliotheken zugänglich gemacht.
Durch dieses und ähnliche Digitalisierungsprojekte an Bibliotheken, Archiven und Museen sind mehr und mehr Quellenbestände nur mehr einen Mausklick entfernt. Von der Knappheit an verfügbaren Quellen ändert sich die Lage zu fast unüberschaubaren Überfluss, wodurch der Umgang mit diesem Material gleichzeitig zur Chance als auch zur Herausforderung wird.
Doch neben dem Ergebnis reiner Digitalisierungsprojekte rückt auch sogenanntes „born digital"-Material immer mehr in den Fokus. Die Verlagerung der Kommunikation in das World Wide Web sowie der Aufstieg der sozialen Medien bedeuten auch, dass die Geschichtswissenschaft den Blick auf derartige Quellen eher früher als später richten muss.
Am Beispiel des Europeana Newspapers Projects und des Webarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek sollen Hürden, Herausforderungen aber auch Chancen im Umgang mit digitalisierten und digitalen Quellenmaterial aufgezeigt werden. Dabei wird versucht eine Verbindung mit geschichtswissenschaftlichen Methoden herzustellen, denn noch allzu oft scheint sich ein Graben zwischen Bereitstellung und Nutzung von ebendiesen aufzutun.

Zur Person:
Studium der Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Wien und St. Andrews. Seit 2013 Doktoratsstudent an der University of St. Andrews unter der Betreuung von Dr. Bernhard Struck. Seit April 2014 Mitarbeit am „Europeana Newspapers Project" an der Österreichischen Nationalbibliothek.

26. November 2014

Karlo Rusicic-Kessler: Die vergessene Ostpolitik: Italiens Beziehungen zu Osteuropa im Kalten Krieg

Vorstellungsvortrag als Bewerbung für ein Lektorat am IfG

Moderation: Maximilian Graf

Abstract:Wenn man vom Komplex der Beziehungen zwischen Italien und der Sowjetunion absieht - die durchaus als Paradebeispiel von guten Beziehungen zwischen Ost und West im Kalten Krieg betrachtet werden können -, wurde die italienische Politik gegenüber Osteuropa von der Historiographie lange Zeit vernachlässigt.Daher betrachtet dieser Vortrag Aspekte der italienischen „Ostpolitik" während des Kalten Krieges, die bisher nicht im Fokus der Forschung standen. Insbesondere wird Italien als durchaus aktiver Akteur in den Beziehungen zu Südosteuropa dargestellt und die politische, wirtschaftliche und kulturelle Strategie hinter der italienischen „Ostdiplomatie" analysiert. Der Schwerpunkt liegt auf der italienischen Rolle in der Entspannung zwischen Ost und West, besonders in den 1960er und 1970er Jahren. Es wird aufgezeigt, dass neben der berühmten „Ostpolitik" Willy Brandts, durchaus auch eine italienische Version ebendieser angedacht und teilweise überraschend erfolgreich durchgeführt wurde. Somit werden Fragen besprochen, die die Rolle Italiens in den Nachbarschaftsbeziehungen zum blockfreien Jugoslawien, die Strategie gegenüber dem maoistischen und in sich gekehrten Albanien, sowie die Beziehungen zu den Ostblockstaaten Rumänien und Bulgarien betreffen. Hierbei werden ausgehend von der anfänglichen Wirtschaftsdiplomatie, bis hin zur aktiven politischen Rolle in Südosteuropa die breit gefächerten Aktivitäten Roms in den Blick genommen.

Zur Person:
Promotion 2011 an der Universität Wien mit einer Dissertation zum Thema „Die italienische Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941-1943". Seit 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Historischen Kommission, ab 2013 am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Forschungsschwerpunkte: italienische und jugoslawische Geschichte im 20. Jahrhundert; kommunistische Parteibeziehungen im Kalten Krieg.

3. Dezember 2014

Alexander Pinwinkler: Historische Bevölkerungsforschungen: Deutschland und Österreich im 20. Jahrhundert

Moderation: Ingo Haar

Abstract:
„Bevölkerung" und „Volk" traten in der Zwischenkriegszeit als historiographische Leitbegriffe verstärkt neben die tradierte Orientierung der Geschichtswissenschaften an „Staat" und „Nation". Der Vortrag verdeutlicht exemplarisch, wie sich semantische Muster und inhaltliche Ausprägungen transdisziplinärer Forschungen zu „Bevölkerungsgeschichte" und „Demographie" über 1933/45 hinweg wandelten. Alexander Pinwinkler referiert wesentliche Ergebnisse seiner kürzlich publizierten Habilitationsschrift, in welcher er das breite Spektrum von „historischen Bevölkerungsforschungen" untersucht und in den Kontext der deutschen und österreichischen Wissenschafts- und Zeitgeschichte stellt: Völkische Diskurse eines deutschen „Bevölkerungsraums" und dessen biologistische Implikationen werden dabei ebenso in den Blick genommen wie die „Historische Demographie" der 1970er-Jahre, deren Ursprünge in den genealogischen Forschungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgezeigt werden. Auf dem Hintergrund der Analyse spezifisch „deutscher" Forschungen zur „Bevölkerungsgeschichte" soll abschließend die Relevanz von transnationaler Verflechtung, von Rezeption und Abgrenzung für die Weiterentwicklung „historischer Bevölkerungsforschungen" erörtert werden.

Zur Person:Alexander Pinwinkler ist seit 2012 Privatdozent für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg leitet er derzeit zwei Projekte zur Geschichte der Paris Lodron Universität Salzburg sowie zum österreichischen legitimistischen Exil während der NS-Zeit. 

10. Dezember 2014

Christine Ottner: Zwischen Tradition und Innovation: Organisationsformen der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften um 1900

Moderation: Johannes Feichtinger

Abstract:
Im Jahr 1893 schlossen sich einige deutsche Wissenschaftsakademien und die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien zu einem Verband zusammen, um groß angelegte Forschungsvorhaben kooperativ zu organisieren und dabei Kollisionen zu vermeiden.
Die Gründung dieses sogenannten „Kartells“ bildet den Ausgangspunkt für die Frage nach den Bemühungen der Kaiserlichen Akademie, die neuen wissenschaftsorganisatorischen Herausforderungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts institutionell zu verarbeiten und damit auch die interakademische Zusammenarbeit zu erwirken. Denn trotz ihres vielfach konstatierten Funktionsverlustes blieb der Akademie und ihren traditionellen Arbeitsinstrumenten, den Kommissionen, die Durchführung gemeinschaftlicher Großprojekte vorbehalten – gerade auch im Bereich der Geisteswissenschaften. Die aktive Beteiligung der Wiener Akademie an den Vorverhandlungen des Kartells gewährt Einblicke in ihre Interessen und Fertigkeiten an der Organisation gemeinschaftlicher Forschungsvorhaben, etwa auf den Gebieten der Altertumswissenschaften/Philologie und Geologie. Dabei ist auch auf die Frage einzugehen, ob diese Fertigkeiten im Selbstverständnis der Akademie von einem wichtigen Bestandteil ihrer bisherigen Agenden zu ihrem eigentlichen Legitimationsgrund avancierten.
Die Absicht des Vortrages ist es daher, die Kartellgründung in zweierlei Richtungen zu analysieren: einerseits als Höhe- und Endpunkt in einem Prozess, in dessen Rahmen schon ab etwa 1870 mehrfach organisatorische Neuerungen innerhalb der Akademie diskutiert worden waren; andererseits aber auch als Ausgangspunkt für eine Welle an größeren Projekten, die um 1900 nicht nur zur Gründung einer Internationalen Akademievereinigung führten, sondern auch weitere neue Organisationsformen im Rahmen der Akademie initiierten.

Zur Person:
Christine Ottner studierte Chemie und Geschichte/UF an der Universität Wien; Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung; seit 2000 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 2010 APART-Stipendium/Habilitationsprojekt), 2011 visiting scholar am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin; Lehraufträge an den Universitäten Wien und Salzburg; AHS-Lehrerin.
 

17. Dezember 2014

Max Maurer: Mangelverwaltung zwischen Stadt und Hof. Das Hofquartierwesen im frühneuzeitlichen Wien (16.-18. Jahrhundert)

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Martin Scheutz

Abstract:
Das Hofquartierwesen zählte für die Stadt Wien zu den markantesten Kehrseiten des glänzenden Kaiserhofes. Über zwei Jahrhunderte hindurch hatten die bürgerlichen Hausherren auf Basis des landesfürstlichen Gastungsrechts die stetig anwachsende Zahl der Hofbediensteten mit Wohnraum - den sogenannten Hofquartieren - auszustatten, wofür sie nur mit einer geringen „Quartiertaxe" entschädigt wurden. Der Vortrag zeichnet die wichtigsten Entwicklungslinien des Hofquartierwesens von seinen Anfängen in der Mitte des 16. Jahrhunderts bis ins 18. Jahrhundert nach und setzt zwei thematische Schwerpunkte: Zum einen wird die Hofquartierfrage als Konfliktgegenstand zwischen Stadt und Hof thematisiert. Wie fanden Magistrat und Landesfürst beziehungsweise Hofbediensteter und Hausherr zu einem modus vivendi? Besondere Beachtung kommt in dieser Hinsicht dem normierten Verfahren zur Häuserkonskription, der sogenannten „Generalbeschreibung" zu. Zum anderen werden Hofquartiere auch aus der Sicht der Nutznießer zwischen Rechtsanspruch und Gnadenerweis beleuchtet: Welche Gruppen und Schichten bei Hof beanspruchten ein Hofquartier und vor welche Probleme stellte der notorische Quartiermangel die Beteiligten?

Zur Person:Maximilian Maurer, geb. 1985, studierte Geschichte und Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, derzeit im Masterstudium Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft und arbeitet an der Edition eines Hofquartierbuchs 

7. Jänner 2015

Albrecht Bauer: Historische Orte als außerschulische Lernorte

Moderation: Johannes Mattes

Abstract:
Der Geschichteunterricht soll hinaus aus dem Klassenzimmer führen. Exkursionen dienen allerdings nicht (nur) der Unterhaltung oder Abwechslung vom Unterricht, sie verfolgen konkrete Lehr- und Lernziele. Während Museen, Archive und Gedenkstätten beliebte Exkursionsziele des Geschichteunterrichtes sind, werden seltener historische Orte aufgesucht. Solche historischen Orte, etwa als Teil des städtischen Ensembles in den Alltag eingepflegt, haben häufig Kontext und Funktion verloren. Einen nicht klar abgegrenzten Raum, der weder didaktisiert noch kontextualisiert ist, für den Unterricht zu erschließen, erweist sich als große Herausforderung. Zunächst müssten die Objekte eines solchen Raumes geschichtlich verortet, also in einen historischen und raumzeitlichen Kontext gesetzt werden. Gerade hierin zeigt sich eine Chance. Speziell die Exkursionsdidaktik kann den Schülern und Schülerinnen Anleitungen bieten, die fehlende geschichtliche Kontextualisierung historischer Orte zu erschließen.
Der Vortrag erörtert im ersten Abschnitt die theoretische Frage, wie durch Exkursionen zu historischen Orten das Verständnis für Geschichte und das Schulen von Kompetenzen im Geschichteunterricht gefördert werden können. Als möglicher Zugang wird hier eine raumzeitliche Perspektive für historische Orte gewählt. Im zweiten Teil werden konkrete Umsetzungsmöglichkeiten im Unterricht genannt.

Zur Person:
Albrecht Bauer, geboren 1983 in Wels, Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Wien, seit 2009 tätig im Schulbetrieb als AHS-Lehrer und Administrator, unterrichtet seit 2013 als Deutsch- und Geschichtelehrer am GRG17, Parhamerplatz

14. Jänner 2015

Alexandra Kaar: Eine Frage des Seelenheils - Wirtschaft, Krieg und das Handelsverbot gegen die Hussiten in Böhmen (1420-1436)

Moderation: Philippe Buc

Abstract:
Als sich nach dem ersten Prager Fenstersturz die böhmische Reformbewegung zur sogenannten Hussitischen Revolution auswuchs, wurde im März 1420 ein Kreuzzug gegen die als Häretiker und Aufständische verurteilten böhmischen Hussiten ausgerufen. Dieser Kreuzzug bildete den Auftakt für die folgenden, 15 Jahre dauernden Hussitenkriege.
Auf Seiten der Katholiken wurde diese religiös, sozial und machtpolitisch motivierte Auseinandersetzung von einem weitreichenden, religiös argumentierten Kontaktverbot begleitet: Rechtgläubigen Christen war jeder Kontakt mit den böhmischen „Ketzern" untersagt, wollten sie sich nicht selbst der Häresie schuldig machen. Dies schloss auch wirtschaftliche Beziehungen ein. Zumindest in der Theorie war damit das Königreich Böhmen bis zur Etablierung eines Modus vivendi mit der katholischen Kirche vom Wirtschaftsgefüge des päpstlich-katholischen Europa ausgeschlossen.
Im Vortrag wird das antihussitische Handelsverbot anhand normativer Quellen und ergänzender anderer Nachrichten unter einem zweifachen Blickwinkel beleuchtet: Einerseits wird der Aussagewert der Quellen zum Handelsverbot für die Wirtschafts- und Handelsgeschichte Böhmens und seiner Nachbarterritorien im späten Mittelalter herausgearbeitet. Andererseits wird das Handelsverbot über seine bisher in der Forschung im Vordergrund stehende pragmatisch-machtpolitische Komponente hinaus als Mittel der symbolischen Kommunikation im Kampf gegen den hussitischen Feind interpretiert.

Zur Person:
Studium der Geschichte, Magisterstudium am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, Mitarbeiterin der Regesta Imperii, Institut für Mittelalterforschung der ÖAW, Wien. Seit 2012 Universitätsassistentin „praedoc" am IfG/IÖG, Wien. 

21. Jänner 2015

Philipp Batelka: Raub und Zerstörung, Vergewaltigung und Massaker in der Frühen Neuzeit

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Susanne Hehenberger

Abstract:
Im 18. Jahrhundert zogen Söldner von der Militärgrenze eine Spur der Verwüstung durch halb Europa. Wo immer Kroaten, Panduren, Raitzen und Tolpatschen auftauchten, zeigte sich der Krieg von seiner häßlichsten Seite. Im kleinen Krieg kamen diese wilden Fremden der Zivilbevölkerung in Bayern, Böhmen, Schlesien und Preußen gefährlich nahe. Kaum ein Chronist, der nicht die Gräueltaten der Kroaten beschrieben hätte, kaum ein Befehlshaber, der nicht über die Disziplinlosigkeit der Grenzer schimpfte und kaum ein General, der nicht sofort bereit gewesen wäre, derart kampferprobte leichte Reiter in sein Heer aufzunehmen. So menschenverachtend und barbarisch die Gräuel der Krieger von der Militärgrenze in den Quellen beschrieben werden, so wenig ist über die »Kroaten« als Gruppe bekannt. Besaßen sie eigene Rituale, Verhaltensregeln, eine Gruppenidentität und einen Zusammenhalt, der sie von anderen Regimentern und Einheiten unterschied? Lässt sich durch die Untersuchung konkreter Gewalthandlungen und Gewaltkontexte die Frage klären, ob die Grenzer eine fremde Gewaltkultur nach Mitteleuropa brachten oder steckte hinter ihrer Gewaltausübung eine andere Logik?

Zur Person:
Philipp Batelka studierte Philosophie, Geschichte und Englisch in Freiburg, Paris, Santiago de Chile und Zagreb; Magister (Freiburg). Seit Oktober 2012 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschergruppe Gewaltgemeinschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen.