Geschichte am Mittwoch - Geschichte im Dialog

Programm WS 2012/13

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation, Planung und Audioaufzeichnungen: Stefan Zahlmann
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

03.10. Lukasz Nieradzik: Die Technisierung der Arbeit und der Wandel der Arbeitserfahrung am Beispiel der Wiener Tierschlachtung im 19. Jahrhundert

Abstract: Der Vortrag befasst sich am Beispiel des Wiener Schlachthofes St. Marx mit den unterschiedlichen Techniken der Tierschlachtung im Kontext einer zunehmend zentralisierten und rationalisierten Arbeit. Vorgestellt wird das interdependente Geflecht aus Arbeitspraktiken, Arbeitsräumen und Arbeitserfahrungen. Zentrale These ist, dass die Technisierung des Arbeitsalltags zu neuen Formen sozialer Kontrolle und zu einer Selbstdisziplinierung der im Schlachthof arbeitenden Fleischer führte. Dieser Prozess veränderte das Erfahren der Arbeit und verrückte die Grenze der Grausamkeit in der Tierschlachtung.

Zur Person: Lukasz Nieradzik, geb. 1981; Studium der Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie und Mittleren und Neueren Geschichte in Göttingen und Torun (2003-2008); Junior Scientist im WWTF-Projekt "Doing kinship with pictures and objects. A laboratory for private and public practices of art" (2010-2011); seit Oktober 2011 Universitäts-Assistent ("prae doc") am Institut für Europäische Ethnologie, Universität Wien.


10.10. Ulrike Krampl (Paris/Tours): «par une méthode courte, lumineuse & facile, qui n'est propre qu'à lui seul». Sprachen lernen und lehren in
Paris in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract: Die Konsolidierung der europäischen Volkssprachen im Laufe der frühen Neuzeit macht aus Sprache ein Merkmal sozialer und nationaler Zugehörigkeit. Die zunehmende Alphabetisierung eröffnet entferntere Räume der Kommunikation, gleichzeitig wächst die geographische Mobilität der Zeitgenoss/inn/en. Während Latein als lingua franca von Kirche und Gelehrsamkeit relativ an Bedeutung verliert, steigt der Bedarf an der Kenntnis fremder Sprachen rasch, weit über die Grenzen der Oberschichten hinaus. Lernende und Lehrende sind sich in einem Punkt einig : Schnell muss es gehen, und ohne Anstrengung ! Gefragt scheint eine « kurze, klare und einfache Methode », wie sie der abbé Perravel de Béron für seinen Italienischunterricht 1769 in einem Pariser Anzeigenblatt anbietet.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts befinden sich in Frankreich die Praxis und die Theorie der Wissensvermittlung im Umbruch, und trotz des bei Zeitgenoss/inn/en durchaus vorhandenen Bewusstseins, dass « Europa französisch spricht », erlangen die Orte, Akteur/inn/en und Modalitäten des Gebrauchs und der kommerziellen Vermittlung fremder Sprachen eine nie zuvor gesehene Vielfalt. Das Angebot im Paris des ausgehenden Ancien Régime umfasst neben traditionellen Formen wie Hausunterricht durch Sprachmeister, die auch in Adelsschulen tätig sind, auch öffentliche Kurse und Sprachschulen im Kontext der entstehenden Bildungsöffentlichkeit, sowie informellere Praktiken der zeitgenössischen Geselligkeit aber auch jene der mobilen Arbeitswelt.

Zur Person: Studium der Geschichte und Romanistik an den Universitäten Wien und Paris 8, Promotion 2004 an der EHESS, Paris, seit 2005 maître de conférences für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Université François-Rabelais in Tours. Publikationen: Les secrets des faux sorciers. Police, magie et escroquerie à Paris au XVIIIe siècle, Paris, Editions de l'EHESS, 2011; (zus. mit Mineke Bosch und Hanna Hacker), Hg., Spektakel = L’Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft, 1, 2012; (zus. mit Robert Beck und Emmanuelle Retaillaud-Bajac), Hg., Les cinq sens de la ville, du moyen âge à nos jours, Tours, PUFR, erscheint Ende 2012.

17.10. Gernot Hausar: Zensur und Informationshoheit: Spuren historischer und aktueller Auseinandersetzungen

Vorstellungsvortrag als Bewerber um ein Lektorat am IfG.

Abstract: Kommunikation im Sinne eines Teilens (lat. "communis") von Informationen ist die Grundlage menschlicher Organisation. Dieser Prozess des Austausches und der Übertragung von Information ist sehr facettenreich, da er sowohl technische, gesellschaftspolitische als auch persönliche Bereiche berührt. Zensur als regulatives Werkzeug, mit dem in diesen Prozess bewußt eingegriffen wird, ist daher nicht nur für Historiker von großem Interesse.
Der Vortrag auf Grundlage eines Forschungsprojektes beleuchtet anhand von historischen Beispielen unterschiedliche Zugänge zur Informationskontrolle durch Zensur sowie das Bild, dass dadurch von den jeweiligen Gesellschaften gezeichnet wird. Eine Spurensuche nach den Hintergründen, Motivationen und Gegenstrategien soll Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigen. Durch diesen Ansatz kann die Thematik der Informationskontrolle untersucht und so ein historischer Beitrag zur aktuell laufenden Diskussion um die Organisation des digitalen Informationsraumes geleistet werden.

Zur Person: Gernot Hausar hat in Wien nach längeren Ausflügen in die Juristerei und die digitalen Geisteswissenschaften (MEDIDA-Prix 2006, Digitalisierung, OCR, Elfriede Jelinek Forschungszentrum) Geschichte studiert (Diplomarbeit bei Prof. Schmale zu "Informationsaustausch in der frühen Neuzeit"). Besondere Interessen sind Informationsaustausch, -organisation und Kontrolle, sowohl im historischen als auch dem aktuellen Kontext. Er ist weiters im Rahmen von Open Access und Digital Rights Bemühungen aktiv und auch regelmäßig bei den Konferenzen des CCC in Berlin. Im Moment arbeitetet er als freier Journalist und ist als ORF-Redakteur verantwortlich für "kurze geschichten" (historischen Themen auf ORF 3).

24.10. Christoph Rella: Im Anfang war das Fort. Europäische Fortifizierungspolitik als Instrument zur Welteroberung. Guinea und Westindien 1400-1600.

Vorstellungsvortrag als Bewerber um ein Lektorat am IfG.

Abstract: Thema der Untersuchung ist die chronologische Entwicklungsgeschichte des kolonialen Festungsbaus der europäischen Seemächte und Kompanien am westafrikanischen und karibischen Schauplatz des 15. und 16. Jahrhunderts. Im Vordergrund der Betrachtung steht die konzeptionelle Genese der Forts im Allgemeinen sowie die daraus resultierenden transatlantischen Beziehungen im Besonderen (Stichwort: "Sklavenökonomie"). Anhand konkreter Beispiele wird veranschaulicht, wie sich das Fort als maritime Stützpunktform zum strukturellen Instrument und integralen Angelpunkt europäischer Kolonial- und Flottenpolitik am atlantischen Schauplatz entwickelte.

Zur Person: Geb. 1979, Studium der Politikwissenschaften und Geschichte, Diplomarbeit (2005) und Dissertation (2008); Mehrmonatige Feldforschungsaufenthalte in Westafrika, der Karibik und im Südpazifik; Freier Journalist; Reiseleiter mit Schwerpunkt Skandinavien und Afrika; Historiker und Buchautor; Monographie "Im Anfang war das Fort", 2010 erschienen bei Aschendorff.

31.10. Geschichte am Mittwoch - Geschichte im Dialog entfällt

Wegen der Antrittsvorlesung von Prof. Thomas Ertl entfällt der vorgesehene Vortrag von Peer Vries.

7.11. Stefan Donecker: Die "Erfindung" der Völkerwanderung. Migratio gentium im Geschichtsdenken der Frühen Neuzeit, 1550-1800.

Abstract: Die Idee einer "germanischen Völkerwanderung" zählt seit der Nationalromantik zu den zentralen Motiven nationaler Identitätsstiftung in Deutschland: In ihren Eroberungszügen zwischen den späten 4. und dem 6. Jahrhundert haben Goten, Vandalen, Langobarden und andere germanische Völker, so die patriotische Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts, das Römische Reich in die Knie gezwungen und dabei ein zeitloses Beispiel heldenhafter Tugend gegeben, auf das die Deutschen, als ihre Nachfahren, mit Stolz zurückblicken können. Die moderne Forschung zur Geschichte des Frühmittelalters hat aufgezeigt, wie unzutreffend eine solche Deutung ist. Umso wichtiger ist es, nach dem Ursprüngen dieses wirkungsmächtigen nationalen Mythos zu fragen: Im Zuge des Vortrages soll ein Forschungsprojekt vorgestellt werden, das die Genese des Völkerwanderungs-Narrativs im Geschichtsdenken der Frühen Neuzeit zwischen Humanismus und Spätaufklärung untersucht, um dadurch einen Beitrag zur Analyse der geistesgeschichtlichen Wurzeln des deutschen Nationalismus zu leisten.



Zur Person: Stefan Donecker studierte Geschichte und Skandinavistik in Wien und Umeå (Schweden). 2010 wurde er am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz promoviert. Er war zuletzt als Junior Fellow am Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg in Greifswald und am Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" in Konstanz tätig. Seit Herbst 2012 forscht Stefan Donecker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Entwicklung des Völkerwanderungs-Konzepts während der Frühen Neuzeit.

14.11.: Miroslav Kindl (Olomouc/Olmütz): Flemish Artists in Vienna in the 2nd half of the 17th Century

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Flemish artists were very numerous artistic community in early modern Vienna in the 2nd half of the 17th century. Very important role was played by House of Habsburgs, namely by archduke Leopold Wilhelm, who as the governor of south Netherlands was very familiar with art of Low Countries and after his return back to Vienna in 1656 many artists came with him as well as his magnificent collection was transported from Hague to Vienna. After young Leopold ascended the imperial throne as Leopold I in 1658 he chose similar artistic taste as his uncle Leopold Wilhelm. In 1660s many painters, engravers, art dealers or publishers of Flemish origin were active in Vienna. They married, baptized children, witnessed at the weddings of colleagues not only from Netherlands, some of them worked for imperial court, church or aristocratic clients others cooperated on extensive orders made by court or nobles. Most of them naturally merged with the population of the cosmopolitan center of Habsburg monarchy, literally have found a new homes here. My lecture, based on archival notes and preserved pieces of art will present some of these little known artists, will show how they came to the city, how they merged with the local society, how they searched for contracts and how successful they were.

Zur Person: Art historian, in 2002–2010 student of Master's program on the Department of Art History of Palacký University in Olomouc, Czech Republic. From 2010 student of internal doctoral program (The topic of dissertation: Jan de Herdt and Circle of Flemish artist of the 2nd Half of the 17th Century in Central Europe). In the academic year 2005–2006 study stay at the Universiteit Utrecht – Faculteit Letteren. In 2007 research stay at Katholieke Universiteit Leuven – Faculteit Letteren. His field of interest is the Netherlandish baroque painting with closer specialization in Flemish artists active in the 2nd half of the 17th century in Central Europe. In 2012 research stay at Universität Wien within the Aktion scholarship program. 

21.11. Stefanie Michels: Schutzherrschaft revisited - afrikanische Perspektiven auf den Kolonialismus

Abstract: Der Vortrag zeigt am konkreten Fall, wie ephemer das Konzept "Kolonialismus" ist, wenn es konkret und multiperspektivisch betrachtet wird. In einem Perspektivwechsel werden die Motivationen und Visionen der "Kings and Chiefs of Cameroon" quellenkritisch dicht herausgearbeitet, die 1884 einen sogenannten "Schutzvertrag" mit deutschen Kaufleuten und Regierungsvertretern abschlossen. Zwar gilt dieser gemeinhin als Beginn deutscher Kolonialherrschaft in Kamerun, jedoch enthält er dem widersprechende Formulierungen, die von den Duala im historischen Verlauf politisch und juristisch geltend gemacht wurden. Die unvereinbaren Widersprüche in den Ordnungsvorstellungen der Duala und der Deutschen wurden durch die seit 1911 umgesetzten Segregationspläne für die Stadt Duala manifest und letztlich rein machtpolitisch durchgesetzt.

Zur Person: PD Dr. Stefanie Michels ist im WS 2012/13 Gastprofessorin für Globalgeschichte an der Universität Wien. Seit 2009 leitet sie die Nachwuchsforschergruppe "Transnationale Genealogien" an der Universität Frankfurt/Main im Rahmen des Exzellenzclusters "Herausbildung normativer Ordnungen". Vorher war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte für afrikanische Geschichte/neuere Geschichte an der Universität Hannover, sowie Projektmitarbeiterin an der Universität Köln. Dort wurde sie 2003 promoviert mit einer Arbeit zur Konstruktion deutsch-kolonialer Macht in Kamerun. Seit 2011 ist sie Privatdozentin für neuere Geschichte an der Universität Frankfurt. Ihre Habilitationsschrift trug den Titel: "Schwarze deutsche Kolonialsoldaten. Mehrdeutige Repräsentationsräume und früher Kosmopolitismus in Afrika".


28.11. Wolfgang Schmale: Buchvorstellung "Das 18. Jahrhundert - Streitbare Auseinandersetzung"

Auf dem Podium: Franz Eybl (IfGermanistik, Moderation); Thomas Fröschl (IfG); Christoph Gnant (Uni Wien); Martin Scheutz (IfG/IfÖG); Wolfgang Schmale (IfG)

Grundlage der streitbaren Auseinandersetzung mit dem 18. Jahrhundert ist das neue Buch von Wolfgang Schmale (Das 18. Jahrhundert, Wien: Böhlau 2012). Regelmäßig wird die Ambivalenz der Aufklärung, mithin auch die Ambivalenz des 18. Jahrhunderts für die Gegenwart thematisiert.

Mitveranstalter: Forschungsschwerpunkt Historisch-kulturwissenschaftliche Europawissenschaft - Sprecher: Philipp Ther; Österreichische Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts

05.12. Eberhard Crailsheim: Aushandlung und Inszenierung von Macht und Konflikten auf den Philippinen - Der Umgang des spanischen Kolonialsystems mit Bedrohungen (17.-18. Jahrhundert)

Abstract: Die Philippinen waren über 300 Jahre lang das größte spanische Territorium in Asien. Ab 1565 waren sie die äußerste Grenze zwischen den spanischen Besitzungen in Amerika und den anderen europäischen Kolonialmächten in Asien, v.a. England und den Niederlanden. Diese stellten so wie China, Japan und die Piraten aus dem Süden eine konstante Gefahr für die spanische Kolonialmacht dar. Die Präsentation geht den Veränderungen der Bedrohungen nach welchen das spanische Kolonialsystem auf den Philippinen ausgesetzt war, deren Repräsentationen und Instrumentalisierungen, und untersucht anhand unterschiedlicher Beispiele was für eine Rolle diese in einem kolonialen Macht-Gefüge einnahmen.

Zur Person: Eberhard Crailsheim kommt aus Graz, wo er 2008 bei Prof. Pieper promovierte, zu dem Thema: "Seville and the European Atlantic Trade. A Network Study of French and Flemish Merchant Communities in Early Modern History (1580-1640)". Seit 2009 ist er Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Text, Bild, Performanz: Wandel und Ambivalenz kultureller Ordnungen in kolonialen Kontaktzonen (Provincia de Charcas und Philippinen, 17.- 18. Jahrhundert)", welches an der Universität Hamburg angesiedelt ist. In seinen bisherigen Veröffentlichungen ging es vor allem um die Handelsnetzwerke europäischer Kaufleute am Handelsknotenpunkt Sevilla in der Frühen Neuzeit. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Vermittlung und Wahrnehmung von Bedrohungen in der Konfiguration spanischer Macht auf den Philippinen im 17. und 18. Jahrhundert, was sich auch in seinen letzten Vorträgen in Mexiko, Kambodscha und Berlin widerspiegelt.


12.12. Stefan Hulfeld (Wien): Wandertruppenforschung zwischen editorischer Pedanterie und kulturwissenschaftlicher Problematisierung

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Andrea Sommer-Mathis

Abstract: Der Vortrag erläutert die Fragestellungen und Ziele des Forschungsprojekts Staatsaktionen zwischen Repräsentation und Parodie. Ein handschriftlicher Wiener Spieltexte-Codex dient dabei als Ausgangspunkt, um Wirkungsstrategien des Wandertruppentheaters um 1700 zu erforschen. Insbesondere zielt das Projekt auf die Frage, welche Effekte aus der Zwei-Ebenen-Dramaturgie resultieren, also der Verknüpfung von Staatsaktion und Komödie. Die Ausführungen verstehen sich als Forschungsbericht und Zwischenbilanz.

Zur Person: Stefan Hulfeld (Universität Wien). Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik. Forschungsaufenthalte in Rom, Berlin und London. Promotion mit der Dissertation Zähmung der Masken, Wahrung der Gesichter, erschienen 2000. Habilitation mit der Arbeit Theatergeschichtsschreibung als kulturelle Praxis, erschienen 2007. Seit 2006 Professor für Theater- und Kulturwissenschaft am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien. 

19.12. Ariane Dröscher (Historisches Institut der Universität Bologna): Stammbäume, Stammlinien, Stammzellen - Ernst Haeckels und August Weismanns Vermächtnis an die Stammzellenforschung

Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Die gängige Definition der Stammzelle ist heute von mehreren Seiten in die Kritik geraten. Neben experimentellen Gründen spielen hierbei auch historisch verankerte Konzeptionen und Verständnisse eine Rolle. Der weiterhin wirkende Einfluß der Haeckelschen Metapher und des Weismannschen Entwicklungsmodells wird linguistisch und ikonographisch analysiert werden.

Zur Person: Dr. Ariane Dröscher promovierte 1995 an der Universität Hamburg mit einer Arbeit zur Geschichte der Zellbiologie. Es folgten zahlreiche Studien zur Zelltheorie und Mikroskopie im 20. Jahrhundert. Daneben beschäftigt sie sich mit der Geschichte italienischer wissenschaftlicher Institutionen, den deutsch-italienischen Wissenschaftsbeziehungen, der Limnologin Rina Monti und weiteren Themen der Biologiegeschichte. Seit 2000 unterrichtete sie in Bologna, Forlí, Bozen und Triest Biologiegeschichte, Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftspolitik. Seit 2012 ist sie am Historischen Institut der Universität Bologna tätig.

9.1. Roberta Rio: "Ars Erotica" oder "Scientia Sexualis"? Der Spatial Turn und die Sexualität: eine interdisziplinäre Herangehensweise aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft.

Vorstellungsvortrag als Bewerberin um ein Lektorat am IfG.

Abstract: Aus der Vergangenheit sind uns wunderschöne Manuale über die Kunst der Erotik überliefert worden. In ihnen wurden Sexualpraktiken und die damit verbundene Suche nach körperlicher Befriedigung als eine Möglichkeit gesehen, den Körper mit dem Geist zu vereinen. Der Geschlechtsverkehr erhielt somit bei vielen Völkern eine sakrale, religiöse Dimension.
Durch die Verschiebung geografischer Grenzen kamen unterschiedliche Kulturen miteinander in Kontakt.
Die Grenze als „limen“ und „limes“, sowohl Trennung als auch Berührung, spielte eine maßgebliche Rolle in der Geschichte der Sexualität.
Es ist durch den Kontakt unterschiedlicher Kulturen geschehen, dass die kultische Tänzerinnen Prostituierte wurden, dass die Liebe zwischen Lehrer und Schüler zur Päderastie wurde, um dann in einer Folge signifikanter Ereignisse in die Gegenwart zu kommen, in welcher die „Ars Erotica“ von der „Scientia Sexualis“ ersetzt wurde.
Die Geschichte der Sexualität zeigt in ihrem Werdegang eine immer stärker werdende Verbindung zu Faktoren wie Kultur, Religion und Macht von denen sie maßgeblich konditioniert wird, während zeitgleich der authentische Kontakt zum Körper progressiv verloren geht. Sexualität wird, von den gegenwärtigen Technologien gestützt, zu einer mentalen, virtuellen Erfahrung und in der wissenschaftlichen Forschung auf messbare Parameter (z.B Herzfrequenz, physiologische Änderungen) reduziert (siehe dazu Studien von Masters & Johnson).
Was wird in Zukunft sein?

Zur Person: Dr. Roberta Rio. Studium der Geschichte an der Universität Triest. Promotion: Urkundenlehre und alte Schriftenkunde, Staatsarchiv Triest. Mitglied des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Geschichtsforscherin. Lektorin an der Johannes Kepler Universität Linz. Autorin vieler Bücher u.a „Die heilige Prostitution“ (2004) (in Kürze erscheint die Neufassung mit dem Titel „Heiliger Sex“) und Artikel mit geschichtlich/historischen Thematiken u.a. „Die kultische Tänzerinnen. Der Körper als kulturelles Kommunikationsmittel“ und „Tantra. Ausgleichstechniken zwischen körperlicher Selbsterfahrung und energetischer Transformation“.
Konferenzen, Seminare und Lehraufträge an verschiedenen europäischen Universitäten: u.a. Oldenburg, Glasgow, Athen, Klagenfurt.
Forschungsschwerpunkte: Körperlichkeit und interkulturelle Kommunikation, Spatial Turn, Geschichte der Sexualität.
Tänzerin und Perkussionistin.


16.1.  Andrea Griesebner (Wien) / Georg Tschannett (Wien) / Susanne Hehenberger (Wien): Ehen vor Gericht. Konfliktfelder und Handlungsoptionen vom 16. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: Das vom FWF geförderte Forschungsprojekt (P20157-G08: 1. Oktober 2011 – 30. September 2014) untersucht die Ehegerichtsbarkeit im Erzherzogtum Österreich unter der Enns. Die Ehestreitigkeiten finden sich bis 1783 in den Protokollbücher der Diözesen Passau und Wien dokumentiert. Das Josephinische Ehepatent von 1783 betraute die weltlichen Gerichte mit der Verhandlung von Ehekonflikten. Fokussiert auf Scheidungen von Tisch und Bett interessieren wir uns für die Handlungsoptionen von Ehefrauen bzw. Ehemännern, welche nicht mehr mit ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin leben wollten. Der Vortrag präsentiert die kirchlichen und weltlichen Quellenbestände und stellt erste Ergebnisse des laufenden Forschungsprojekts vor. Homepage: http://ehenvorgericht.wordpress.com

Zu den Personen:

Andrea Griesebner: Diplomstudium Geschichte und Fächerkombination (Politikwissenschaft, Zeitgeschichte, Feministische Wissenschaften) an den Universitäten Salzburg und Wien, Doktoratsstudium Geschichte an der Universität Wien, Habilitation an der Universität Wien 2001. Seit 1. Oktober 2001 ao. Univ.-Prof. am Institut für Geschichte der Universität Wien. Gastprofessuren am History Department, Georgetown University, Washington, D.C.

Georg Tschannett: studierte Geschichte und Cultural Studies/Kulturwissenschaften an der Universität Wien, Diplomarbeit über Körpervorstellungen frühneuzeitlicher Männer und Frauen in Gerichtsprozesses des 18. Jahrhunderts, 2010 Forschungsstipendium der Universität Wien. Seit Oktober 2011 Projektmitarbeiter beim FWF-Forschungsprojekt "Ehen vor Gericht". In seiner Dissertation arbeitet er über Scheidungen von Tisch und Bett in Wien zwischen 1783 und 1850.

Susanne Hehenberger: studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Wien und Trier, Doktoratsstudium im Fachbereich Geschichte, 2001 bis 2003 mit dem DOC-Stipendium der Akademie der Wissenschaften gefördert. Die Dissertation wurde mit dem Michael-Mitterauer-Förderungspreis für Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte 2004 ausgezeichnet. Seit 1999 in verschiedenen Projekten tätig, seit 2009 als Provenienzforscherin im Kunsthistorischen Museum, Wien. 

23.1. Glenda Sluga: Internationalism in the Age of Nationalism

Abstract: For all the revivification of the history of international organizations, the history of internationalism still remains aloof from the mainstream history of the twentieth century, and the narrative of nationalism. At the same time historical constructivist explorations of nations as invented or imagined have hardly glanced sideways at how over the same period international communities were imagined in relation to national communities. This is despite the fact that, as I also want to argue, the history of internationalism maps profoundly onto the genealogy of nations and nationalism, and onto the theoretical paradigm that has dominated the historiography of nations and nationalism since the late twentieth century.

Zur Person: Glenda Sluga is Professor of International History at the University of Sydney. She is most recently the author of Internationalism in the Age of Nationalism (2013), The Nation, Psychology and International Politics (2006), The Problem of Trieste and the Italo-Yugoslav Border, and Gendering European History (2000)i. She is researching the international history of cosmopolitanism through a study of women at the Congress of Vienna, generously funded by the Australian Research Council. In 2002 she was awarded the Max Crawford Medal by the Australian Academy of the Humanities. In 2006 she was appointed a member of the International Scientific Committee for the History of UNESCO. She is a member of the Australian Academy of Humanities, and of the Australian Research Council College of Experts.


30.1. Anton Tantner: Adressbüros in Wien, 1760 - 1850 oder: Das Comptoir des Barometermachers

Abstract: Adressbüros waren Stätten der Informationsvermittlung, die den Zugriff auf die in der Unübersichtlichkeit der frühneuzeitlichen Städte verborgenen Ressourcen ermöglichen sollten und vorwiegend der Verkaufs-, Arbeits-, Immobilien- und Kapitalvermittlung dienten. In Wien wurde erstmals 1707 eine solche Einrichtung - das Frag- und Kundschaftsamt - gegründet; in Konkurrenz zu ihm wurden ab den 1760er Jahren Pläne für vergleichbare Einrichtungen ventiliert und manchmal auch realisiert. Im Zentrum des Vortrags soll vor allem der umtriebige Projektemacher Jakob Bianchi stehen, der 1770 das in Verbindung mit der Realzeitung stehende Comptoir der Künste, Wissenschaften und Commerzien initiierte.

Zur Person: Anton Tantner ist Privatdozent für Neuere Geschichte an der Universität Wien, seine Habilitationsschrift beschäftigt sich mit Adressbüros im Europa der Frühen Neuzeit. Im WS 2012/13 ist er Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). Mitglied der Redaktion der Frühneuzeit-Info und des Weblogportals de.hypotheses.org. Weblog: http://adresscomptoir.twoday.net; Twitter: @adresscomptoir; Homepage mit umfassendem Publikationsverzeichnis und "Galerie der Hausnummern": http://tantner.net