Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2007/08

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Thomas Fröschl
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

10. Oktober: Anton TANTNER (Wien)
Buchpräsentation: „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie - oder: Wer ist die Nummer 1?“
Kommentar: Wolfgang Pircher
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Anlass dieser Folge von „Geschichte am Mittwoch“ ist das Erscheinen des Buchs „Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie“ im Rahmen der am Institut für Geschichte herausgegebenen Reihe „Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit“. Im Zentrum des Bands steht die Einführung der Hausnummerierung und „Seelenkonskription“ – das heißt einer Volkszählung – in den westlichen Provinzen der Habsburgermonarchie in den Jahren 1770-1772; monatelang durchstreiften damals Beamte und Militärs die Dörfer, Märkte und Städte, zogen von Haus zu Haus, befragten die darin wohnenden Subjekte und trugen ihre Angaben in Tabellen ein, was nicht ohne Probleme vor sich ging.
Am Beginn der Präsentation geht der Autor auf die Vorgeschichte dieser Aktion ein, behandelt die bereits im 17. Jahrhundert einsetzenden so genannten „Judenkonskriptionen“, die Erfassung der Protestanten und Protestantinnen im Zuge der Gegenreformation sowie die „policeylichen“ Hausbeschreibungen zum Zwecke der Bekämpfung der Bettlerinnen und Bettler. Anschließend kommentiert Wolfgang Pircher das Buch. Abgeschlossen wird die Veranstaltung mit einer Präsentation von Aufnahmen jener historischer Hausnummern, die die Nummer 1 verpasst bekamen. Denn merke: „Alle gleichen Cäsar, keiner möchte in Rom der zweite sein.“ (Louis-Sébastien Mercier)
Zur Person: Anton Tantner, geb. 1970, Mitarbeiter des FWF-Projekts „Europäische Adressbüros in der Frühen Neuzeit“, Homepage mit „Galerie der Hausnummern“ und Publikation: Tantner, Anton: Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie. (=Wiener Schriften zur Geschichte der Neuzeit; 4). Innsbruck/Wien/Bozen: Studienverlag, 2007.
Publikationsverzeichnis: http://tantner.net; Weblog: http://adresscomptoir.twoday.net

17. Oktober: Paulus RAINER (Wien) - in Kooperation mit dem IEFN
„Der kaiserliche Schatz bei den Kapuzinern. Die Stiftung der Kaiserin Anna (1585–1618)“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Neben der kaiserlichen Geistlichen Schatzkammer in der Hofburg bestand in Wien seit 1626 ein zweiter kaiserlicher Sakralschatz, der im Unterschied zu ersterem vor allem von den weiblichen Mitgliedern der Kaiserhauses bestiftet wurde. Seinen Ursprung hatte dieser in einer Stiftung der Kaiserin Anna (1585-1618), die in ihrem Testament neben der Erbauung des Kapuzinerklosters am Neuen Markt auch die Überbringung ihrer umfangreichen und bedeutenden Sammlung kostbar gefasster Reliquien und liturgischer Geräte in dieses Kloster verfügte. Heute bildet dieser Bestand mit knapp 400 Objekten einen wichtigen Teil der Geistlichen Schatzkammer und ist so Teil der Sammlungen des Kunsthistorischen Museums. Dieser Vortrag will Ergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes des KHM präsentieren und einen Einblick in eine laufende Dissertation (Fachbereich Kunstgeschichte) zu eben diesem Schatzbestand liefern.
Zur Person: 1994–1999 Diplomstudium Kunstgeschichte in Innsbruck und Wien; seit 2006 Dissertationsstudium Kunstgeschichte in Wien; seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museumsbereich (MAK Wien, Apic Cremona, KHM Wien); seit 2004 im Kunsthistorischen Museum Wien, derzeit Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Der kaiserliche Schatz bei den Kapuzinern. Forschungen zur kunst- und kulturhistorischen Bedeutung“ (Finanzierung: Jubiläumsfonds der ÖNB)

24. Oktober: Georg GRÜNBERG (Wien) - Gastprofessor am IfG für „Zeitgeschichte Lateinamerikas“ in diesem Semester
„Fließende Identitäten und Einforderung von Anerkennung: indianische Hochschüler in Lateinamerika“
Moderation: Martina Kaller-Dietrich

Abstract: Die Frage nach der Identität wird entscheidend wichtig, wenn die Sicherheit einer selbstverständlichen Zugehörigkeit schwindet und eine Neukonstruktion notwendig macht, die Grundlage für Selbstsicherheit bieten soll. Dies ist in erhöhtem Maß relevant, wenn es sich um junge Menschen handelt, die aus einer Situation der Diskriminierung herauswachsen und Zugang zum Ort der Eliten schlechthin gewinnen: an die Universität. Dann wird der Kampf um Anerkennung, mitten in fließenden Identitäten, zum wichtigsten Motiv, Wissenschaft zu betreiben, um gleichzeitig dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung, historischer Anerkennung und der Teilhabe am globalen Wissen nachzukommen.
Erfahrungen des Vortragenden mit indianischen Studenten an Universitäten in Guatemala, Nikaragua und Brasilien und mit dem Modell einer interkulturellen Lehre und Forschung bilden die Grundlage für diese Reflexion.
Zur Person: geb. 1943 in Wien, Studium der Ethnologie in Wien und Sao Paulo, Univ. Assistent an der Universität Bern, Gastprofessor an der FLACSO, Guatemala 2000 – 2002, Professor an der URACCAN, Nicaragua, 2002 – 2006, Lektor an der Universität Wien, Konsulent für Entwicklungszusammenarbeit und Mitarbeiter am österreichischen Lateinamerikainstitut.

7. November: Johan SCHIMANSKI (Tromsø) und Ulrike SPRING (Wien)
„Die Quarneroli am Nordpol.” Österreichisch-ungarische Identitäten und arktische Fähigkeiten
Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition von 1872-1874 war ein Medienevent, das zum Ausgangspunkt für einen umfassenden Medienkomplex wurde. Dieser artikuliert sich über eine Kette von Repräsentationen, die aus Remedialisierungen und Rekontextualisierungen besteht, in denen kontinuierlich und bis in die Gegenwart Aspekte der Expedition neu verhandelt und interpretiert werden. Die Expedition wurde über Narrativen erzählt, die weniger von den tatsächlichen Erlebnissen in der Arktis als vom politischen Tagesgeschehen in der Monarchie bzw. der Nachkriegszeit geprägt waren. Ein Beispiel: Fähigkeiten, die die Mannschaft zum Überleben in der Arktis benötigte, wurden in den Zeitungen von 1874 zum Symbol für die kulturelle Überlebensfähigkeit der Monarchie. In den letzten Jahrzehnten hingegen werden die kulturellen Identitäten der Expeditionsmitglieder zunehmend zur Bekräftigung nationalistischer Ideologien eingesetzt. Unser Ausgangspunkt ist folglich, dass Diskurse über die Arktis als eine Projektionsfläche für zentrale Topoi in der europäischen Kultur, z.B. Kultur versus Natur, oder Identitäten (Klasse, Ethnie, Geschlecht, Nation etc.) fungieren. In diesem Vortrag zeigen wir dies am Beispiel der Matrosen der Expedition, die aus dem Gebiet des heutigen Kroatien sowie aus Triest kamen. Unser Fokus liegt auf den verschiedenen Identitäten, die ihnen in der Rezeption bis in die Gegenwart zugeschrieben wurden.
Zu den Personen: Johan Schimanski, seit 1998 Associate Professor in Allgemeiner Literaturwissenschaft an der Universität Tromsø. Dr.art. 1997 an der Universität Oslo mit einer Arbeit über Genre und Nationalismus in walisischsprachiger Literatur. Seit 2005 Co-Leiter des Forschungsprojektes „Arktische Diskurse” sowie der Arbeitsgruppe für Grenzpoetik an der Universität Tromsø. Gastprofessor in Grenzstudien an der Universität Glamorgan/Morgannwg (2006). Forschungsschwerpunkte: Postkolonialismus, Grenzen in der Literatur, Science Fiction, Diskursanalyse. Etliche Publikationen, zuletzt: Crossing and Reading. Notes Towards a Theory and a Method (Nordlit Nr. 19, 2006); Border Poetics De-Limited (hg. gem. mit Stephen Wolfe, 2007).
Ulrike Spring, zur Zeit Kuratorin am Wien Museum. Dr.phil. 2000 am Institut für Geschichte der Universität Wien zum Thema Sprache und Nationalismus in Norwegen und Irland um 1900. Forschungsaufenthalte an den Universitäten Oslo, Dublin, Lancaster, IFK Wien. Mitarbeit in internationalen Forschungsprojekten. Gastforscherin im Projekt ”Arktische Diskurse” an der Universität Tromsø (2007). Forschungsschwerpunkte: Identität, Tourismus, Mobilität, Nationalismus. Etliche Publikationen, zuletzt: The Linear City. Touring Vienna in the Nineteenth Century (in: Mobile Technologies of the City, Hg. Mimi Sheller & John Urry, 2006); Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit (hg. gem. mit Wolfgang Kos und Wolfgang Freitag, 2007).

14. November: Daniela BEYER (Wolfenbüttel/Wien) - in Kooperation mit dem IEFN
„Hoch, schwer und gehaim Sachen“? Zum Verhältnis zwischen Geheimen Rat und Reichshofrat in der Regierungszeit Ferdinands I. (1526–1564)
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Nach dem Tod Kaiser Maximilians I. 1519 fand eine Umstrukturierung der obersten Verwaltungsinstitutionen statt. Die 1526/27 gefundene Lösung blieb in ihren Grundzügen bis in die Regierungszeit Maria Theresias erhalten. Zu diesen Verwaltungsinstitutionen gehörte neben dem Hofrat auch ein Geheimer Rat, die sowohl für das Reich als auch für die erbländischen Angelegenheiten zuständig waren. Die Hofordnungen der Jahre 1527 und 1537 und die Hofratsordnung von 1541 legen Zeugnis davon ab, wie der Behördenaufbau in etwa strukturiert war. Diesen Texten lässt sich auf den ersten Blick keine präzise Kompetenzverteilung zwischen Hofrat und Geheimen Rat entnehmen. Betrachtet man den Aufbau der genannten Hofordnungen jedoch genauer, fällt auf, dass der Geheime Rat in der Hofordnung von 1537, anders als im Hofordnung von 1527, nicht mehr erwähnt wird. Die Ordnungen würden dann den beiden Gremien durchaus nicht dieselben Geschäfte zuweisen, so dass nach wie vor von einem Vorrang des Geheimen Rates in politischen Angelegenheiten und einer Kompetenzabgrenzung zwischen Geheimen Rat und Hofrat auszugehen wäre. Die Überlieferung im Archiv des Reichshofrates im Haus-, Hof- und Staatsarchivs bietet eine Möglichkeit, dieser Frage nachzugehen. In der Reihe der reichshofrätlichen Resolutionsprotokolle haben sich nicht nur Protokolle aus den Sitzungen des Reichshofrates erhalten, sondern auch einige wenige Bände zu der Arbeit des Kaiserlichen Geheimen Rates. Der direkte Vergleich dieser Aufzeichnungen für ein Stichjahr – das Jahr 1560 – kann dazu beitragen, die Frage nach der Kompetenzabgrenzung zwischen Geheimen Rat und Reichshofrat König bzw. Kaiser Ferdinands I. zu beantworten.
Zur Person: Jus-Studium in Göttingen, Beschäftigung mit der Geheimen Rat Ferdinands I. im Rahmen ihrer Dissertation (in Vorbereitung). Nach Beendigung des Referendariats in Lüneburg (Juni 2007) in Wien Mitarbeiterin von Eva Ortlieb im Projekt über „Die Formierung des Hofrates unter Karl V. und Ferdinand I“ (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Werner Ogris).

21. November: John BOYER (Chicago)
„Private Research Universities and the Development of Higher Education in America: The University of Chicago Since 1892“
Moderation: Margarete Grandner

Abstract: The emergence of modern, privately endowed research universities is one of the most distinctive features of the history of higher education in the United States after the American Civil War. One of the basic structural tensions embedded within all of the large U.S, research universities is the relationship between undergraduate education and doctoral-level research and teaching. The history of the University of Chicago, founded in 1890-92 by John D. Rockefeller, offers a fascinating example of the ways by which one university has sought to negotiate these tensions over the last century by constructing a unique program of general education on the collegiate level. This lecture will discuss several facets of the early history of the University of Chicago--its organizational structure, the cultural ethos and professional backgrounds of the early faculty, and its dependence on the philanthropy of the Rockefeller family--and then explore how the structure of undergraduate education that was developed at the University of Chicago in the 1930s has influenced and shaped the larger intellectual culture and the competitive institutional position of the University as a whole in the later twentieth century.
Zur Person: John Boyer: Geb.in Chicago 1945, Doktoratsstudien (Ph.D. 1975) und wissenschaftliche Laufbahn an der University of Chicago, gegenwärtig Martin A. Ryerson Distinguished Service Professor of History, and Dean of the College, University of Chicago. Zählt zu den bedeutendsten Spezialisten der österreichischen Geschichte in den USA. Bücher (Ausw.): Political Radicalism in Late Imperial Vienna: Origins of the Christian Social Movement 1848-1897, 1981; Culture and Political Crisis in Vienna: Christian Socialism in Power, 1897-1918, 1995; mehrere Monographien zur Geschichte der University of Chicago.

28. November: Gerald STOURZH (Wien)
Buchpräsentation: „From Vienna to Chicago and Back
Essays on Intellectual History and Political Thought in Europe and America”
John Boyer (Dean of the College, and Professor of Modern History, The University of Chicago): „Introducing Gerald Stourzh’s ‘From Vienna to Chicago and Back’“
Gerald Stourzh: „Was ich mit diesem Buch bezweckte“
Moderation: Thomas Fröschl

Zum Buch: Das hier präsentierte Buch, im Sommer 2007 in Chicago erschienen, enthält 14 Essays in englischer Sprache, die der Verfasser im Zeitraum von 53 Jahren – zwischen 1953 und 2006 – veröffentlicht hat. Alle Essays mit einer Ausnahme wurden in englischer Sprache geschrieben. Die Essays sind nicht chronologisch, sondern thematisch in vier Sektionen gegliedert: Anglo-American History; Austrian History, Imperial and Republican; The Tocquevillian Moment; On the Human Condition. Diesen Essays ist eine autobiographische Einführung vorangestellt, „Traces of an Intellectual Journey“, die den intellektuellen Werdegang des Verfassers, Persönlichkeiten, die ihn als Autoren oder als Lehrer beeinflusst und beeindruckt haben, die Bedeutung der in Chicago verbrachten Jahre und einen Überblick über die Hauptthemen seines wissenschaftlichen Werkes zu skizzieren versucht.
Zu den Personen: Gerald Stourzh, geb. in Wien 1929, Studien an den Universitäten Wien, Clermont-Ferrand, Birmingham und Chicago. In den Fünfzigerjahren Research Associate an der University of Chicago, 1962 Habilitation in Neuerer Geschichte in Wien, 1964-1969 Professor für Neuere Geschichte mit bes. Berücksichtigung Nordamerikas an der Freien Universität Berlin, 1969-1997 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien; Forschungsaufenthalte 1967/68 in Princeton, 1976 in Cambridge; seit 1997 emeritiert. Bücher (Auswahl): Benjamin Franklin and American Foreign Policy, 1954; Alexander Hamilton and the Idea of Republican Government, 1970; Die Gleichberechtigung der Nationalitäten in der Verfassung und Verwaltung Österreichs1848-1918, 1985; Wege zur Grundrechtsdemokratie, 1989; Um Einheit und Freiheit: Staatsvertrag, Neutralität und das Ende der Ost-West-Besetzung Österreichs 1945-1955, 1998 (erg. Neuaufl. 2005).
John Boyer, geb. in Chicago 1945, Doktoratsstudien (Ph.D. 1975) und wissenschaftliche Laufbahn an der University of Chicago, gegenwärtig Martin A. Ryerson Distinguished Service Professor of History, and Dean of the College, University of Chicago. Zählt zu den bedeutendsten Spezialisten der österreichischen Geschichte in den USA. Bücher (Auswahl): Political Radicalism in Late Imperial Vienna: Origins of the Christian Social Movement 1848-1897, 1981; Culture and Political Crisis in Vienna: Christian Socialism in Power, 1897-1918, 1995; mehrere Monographien zur Geschichte der University of Chicago.

5. Dezember: Josef KÖSTLBAUER (Wien)
„Das Harvard Seminar on Atlantic History – Geschichte und Bedeutung eines wissenschaftlichen Forums“
Kommentar: Thomas Fröschl
Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Das Atlantic History Seminar wurde 1995 von Bernard Bailyn, dem „spiritus rector“ der Atlantischen Geschichte in den USA, ins Leben gerufen. Es ist findet seither alljährlich statt und bietet einer kleinen Gruppe junger WissenschafterInnen internationaler Herkunft die Möglichkeit, sich über verschiedene inhaltliche Zugänge oder Aspekte atlantischer Geschichte auszutauschen. Erklärtes Ziel des Seminars ist die Schaffung einer Gemeinschaft von „atlantischen Historikern“ und damit letztlich auch die Etablierung dieses Forschungsgebiets innerhalb der scientific community. Das ist in den vergangenen zwölf Jahren sehr erfolgreich gelungen – wie eine stetig wachsende Zahl von Publikationen und der zunehmend internationale Charakter der involvierten Historikergemeinschaft zeigt. Anlass genug, dieses Beispiel eines nachhaltig wirksamen intellektuellen Forums vorzustellen und bei dieser Gelegenheit das Konzept der Atlantic History zu erläutern und seinen Einfluss auf die gegenwärtige Geschichtsschreibung – nicht nur in den USA – näher zu beleuchten.
Zur Person: Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Forschungsstipendien in New Orleans und Berlin. Mitarbeit an verschiedenen Projekten am Institut für Geschichte in Wien. Arbeitet an einer Dissertation über den Vergleich imperialer Grenzgebiete im spanischen und britischen Kolonialreich.

12. Dezember: Oswald BAUER (Augsburg) - in Kooperation mit dem IEFN
„Die Georg Fuggerischen Erben und die Fuggerzeitungen (1568–1605): Frühneuzeitliche Nachrichtensammlungen als Mittel zum Zweck oder Freizeitbeschäftigung?“
Moderation: Herwig Weigl

Abstract: Octavian S. Fugger (1549–1600) und Philipp E. Fugger (1546–1618), die Georg Fuggerischen Erben, haben über 30 Jahre lang Nachrichten gesammelt und jahrgangsweise zu Bänden binden lassen, die sog. Fuggerzeitungen. Doch ist trotz einiger Forschung weder geklärt, welche Inhalte die Nachrichten der Fuggerzeitungen haben, noch zu welchem Zweck die Nachrichten gesammelt wurden. Diese Fragen sollen auf der Grundlage neuester Forschung diskutiert und (teilweise) beantwortet werden.
Zur Person: 1998–2005 Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Geschichte an der Universität Wien. Abschluss des Studiums mit einer Arbeit über „Pasquille in den Fuggerzeitungen“, anschließend Bakkalaureat Publizistik zum Thema „Europäische Öffentlichkeit“. Seit Oktober 2005 Doktorand im Graduiertenkolleg „Wissensfelder der Neuzeit“ am Institut für Europäische Kulturgeschichte (Augsburg, Deutschland).

9. Jänner: Philipp BLOM (Wien)
„Schwindel-Jahre. Das Erleben der sozialen Veränderung und die frühe Moderne in Europa 1900-1914“
Moderation: Thomas Angerer

Abstract: Zu keiner Zeit in der europäischen Geschichte haben sich Gesellschaft, Wissenshorizonte und Wirtschaft radikaler und rasanter verändert als in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Innerhalb von wenig mehr als einem Jahrzehnt schufen Urbanisierung und Industrialisierung neue Lebensformen und ein neues Lebensbewusstsein in Europa und den USA, das sich in einem Gefühl der extremen Beschleunigung aller Lebensbereiche ausdrückte. Wissenschaftliche Neuerungen, die Faszination mit Geschwindigkeit und die erste Welle der feministischen Agitation prägen diese Epoche und hinterließen deutliche Spuren in der Kunst der Avantgarde und im politischen Denken, vom grenzenlosen Optimismus bis hin zur Verweigerung der Moderne und der Revolte der Irrationalität in Kunst und Politik.
Zur Person: Dr. Philipp Blom ist freier Historiker und Schriftsteller. Nach Studien der Philosophie, Judaistik und modernen Geschichte in Wien und Oxford lebte und arbeitete er in London und Paris, bevor er sich erneut in Wien niederließ. Sein letztes historisches Werk ist „Das vernünftige Ungeheuer“ (Frankfurt, 2004), eine Geschichte der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert.

16. Jänner: Marcel SCHUMACHER (Köln) - in Kooperation mit dem IEFN
„Von Wien nach Paris. Paris als Reiseziel habsburgischer Architekten nach 1715“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Als Johann Bernhard Fischer von Erlach seinen Sohn 1719 in Pariser Baubüros studieren lässt, bietet sich zum ersten Mal einem Baumeister des Kaiserhofes die Möglichkeit, die Residenzen des stärksten Konkurrenten unter den europäischen Souveränen aus der Nähe zu begutachten. Ludwig XIV. war 1715 nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges verstorben und damit die Pariser Hofkunst vorübergehend entpolitisiert. Zwischen 1715 und 1728 reisen daher zahlreiche Baumeister der Fürstenhöfe des Römischen Reiches Deutscher Nation in die französische Hauptstadt. Viele studieren im Umkreis des premier architecte du roi, Robert du Cotte, entdecken aber auch die jungen Ornamentzeichner wie Jules-Marie Oppenord. In diesem Zeitraum verschränken sich die klassizistische Tradition der bâtiments du roi und die Entstehung einer neuen ornamentalen Raumkunst. Joseph Emanuel Fischer von Erlach konnte während seiner Studienjahre in Rom, Paris und London die Europäischen Bautraditionen miteinander vergleichen; wie weit registrierte er die sich in Paris ankündigenden Veränderungen? Da über seinen Parisaufenthalt wenig überliefert ist, sollen im Vortrag die Studienzeichnungen des Architekten Anselm Franz Ritter zu Groenesteyn aus Mainz ermöglichen, vielleicht einen anderen Blickpunkt auf das Werk des Wiener Baumeisters zu erlangen. Ein Ausblick auf den Studienaufenthalt des Brünner Architekten Franz Anton Grimm zwanzig Jahre später wird deutlich werden lassen, wie selektiv Pariser Architekturmoden in Wien wahrgenommen wurden.
Zur Person: Studium der Architektur, Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik in Aachen, Berlin, Rom und Basel; 2003 Magisterarbeit über ein Italienskizzenbuch des französischen Bildhauers Jean Dedieu, seitdem Dissertation bei Andreas Beyer (Basel) über „Paris – Knotenpunkt kulturellen Transfers. Die Entstehung des Kunstmetropole aus dem Blick reisender Architekten zwischen 1660 und 1730“; Stipendiat der Studienstiftung; 2004/05 Forschungsaufenthalt in Paris.

23. Jänner: Martin KNOLL (Regensburg)
„Schreiben und Schweigen über Natur. Vom umweltgeschichtlichen Quellenwert historisch-topographischer Literatur der Frühen Neuzeit“
Moderation: Verena Winiwarter

Abstract: Historisch-topographische Literatur erfreute sich in der Frühen Neuzeit großer Popularität. Ihre Gattungsgeschichte in dieser Zeit ist eng verwoben mit Übergangs- und Formationsprozessen, deren Bedeutung in der verfassungsgeschichtlichen, aber auch in der kunst-, wissenschafts- und umwelthistorischen Forschung betont wird. Man denke an die Entwicklung frühmoderner Staatlichkeit oder aber die viel beschworene ‚scientific revolution’ des 16. und 17. Jahrhunderts und nicht zuletzt an den engen, oft genug personalen Zusammenhang zwischen der sich methodisch formierenden Geographie und Kartographie auf der einen sowie der Landschaftskunst auf der anderen Seite.
Der Vortrag nimmt seinen Ausgangspunkt bei Werken der bayerischen Landesbeschreibung (Merian, Ertl, Wening). Meist stehen menschliche Siedlungen im Mittelpunkt der Texte und Illustrationen solcher historisch-topographischer Werke: Städte, Schlösser, Klöster etc. Informationen über die natürliche Umwelt werden dem Leser vorwiegend in Bezug auf diese Siedlungen und die dortigen Lebensbedingungen vermittelt. Daraus abzuleiten ist die Frage nach der Konzeptualisierung des Verhältnisses Gesellschaft – natürliche Umwelt. Im Vortrag wird der umwelthistorische Quellenwert der historisch-topographischen Literatur diskutiert. Dabei kommt u. a. die rhetorische Abhängigkeit der Thematisierung oder Nicht-Thematisierung naturaler Faktoren von den jeweiligen Darstellungsinteressen zur Sprache. Auch ein möglicher diachroner Wandel des Stellenwerts von Informationen zur natürlichen Umwelt gegenüber historisch-dynastischen Wissensbeständen ist zu diskutieren. Gewinnen naturwissenschaftlich-statistische Aspekte gegenüber diesen kulturell-traditionalen Motiven an Bedeutung und wie ist dies – aus umwelthistorischer Perspektive und mit Blick auf die umwelthistorische Analyse der Quellengattung – bewerten?
Zur Person: Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Regensburg, Magisterexamen 1997, Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt 1998, Promotion 2003 mit einer Arbeit über die landesherrliche Jagd Kurbayerns im 18. Jahrhundert. 2001-2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Regensburg, 2004-2007 Wissenschaftlicher Assistent ebendort. Seit 1. Oktober 2007 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere Geschichte/Schwerpunkt Stadt- und Umweltgeschichte der Technischen Universität Darmstadt. Laufendes Habilitationsprojekt: „Studien zum Bild von Territorium, Siedlung und Umwelt in der historisch-topographischen Literatur der Frühen Neuzeit.“ Zusammen mit Verena Winiwarter Autor des Studienbuchs „Umweltgeschichte. Eine Einführung“ (2007). http://www.iff.ac.at/umweltgeschichte/home.php

30. Jänner: Annabelle BÖTTCHER (Wien/Berlin) – Gastprofessorin am IfG für „Begegnung islamisch geprägter Kulturen in Europa“ in diesem Semester
„Die Schia in Deutschland und Österreich“
Moderation: Marlene Kurz

Abstract: Durch die politischen Entwicklungen im Libanon, im Irak und im Iran ist der schiitische Islam ins Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Obgleich Schiiten unter den weltweit 1,2 Mrd. Muslimen nur etwa 10-15% darstellen, beunruhigt das erstarkende schiitische Selbstbewusstsein im Nahen und Mittleren Osten sowohl die Mehrheit sunnitischer Muslime als auch Nichtmuslime.
In Deutschland und Österreich gibt es grob geschätzt etwa 5% Schiiten vor allem libanesischer, irakischer, iranischer und afghanischer Herkunft sowie eine Reihe von Konvertiten. Die meisten schiitischen Muslime haben sich aus politischen oder ökonomischen Gründen im deutschsprachigen Raum niedergelassen und hegen häufig starke Anbindungen an ihr Herkunftsland und ihre jeweilige religiöse Autorität. Daher ist schiitischer Islam ethnisch und national stark fraktioniert.
In diesem Vortrag sollen vor allem auf die historische Entwicklung und die strukturellen Eigenheiten des schiitischen Islam in Deutschland und Österreichs eingegangen werden.
Zur Person: Studium der Islamwissenschaften, Politikwissenschaften, Jura und Semitistik an den Universitäten Toulouse, München, Freiburg i.Br. und Damaskus. Magister 1993, Promotion 1998, Habilitation 2006. Forschungs- und Lehrtätigkeiten am Institut Français d’Etudes Arabes de Damas (Damaskus), Université Saint Joseph (Beirut), Orient-Institut (Beirut), Sorbonne (Paris), Harvard University (Cambridge, MA) und Freie Universität (FU) Berlin. Seit 2006 Privatdozentin am Institut für Islamwissenschaft der FU-Berlin sowie Consultant von internationalen Organisationen.

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