Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2006/07

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Thomas Fröschl
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

11. Oktober: Alexander KÄSTNER (Dresden) – in Kooperation mit dem IEFN
„da […] über die Beerdigung derer vorsetzlichen Selbstmörder die Consistoria cognosciren wollen“. Normen und Praxis bei Suizidfällen im frühneuzeitlichen Kursachsen
Moderation: Susanne Hehenberger

Abstract: Selbsttötungen wurden in der Frühen Neuzeit differenzierter beurteilt als weithin angenommen; mithin galten nicht alle „Selbst-Mörder“ als verdammt. Diesen Befund der neueren Forschung aufgreifend wird der Vortrag die Entwicklung von Normen zum Suizid in Kursachsen nachzeichnen. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Normen immer in komplexen Wechselbeziehungen zu einem bestehenden konkreten Wissens-, Erfahrungs- und institutionellen Hintergrund stehen. Der Vortrag wird das Augenmerk exemplarisch auf Genese und Implementierung eines Mandates „wegen der auf wahnwitzige und melancholische Personen zu führenden Obsicht, und des Verfahrens bey freventlichem Selbstmord“ (1779) legen.
Zur Person: Studium Geschichte und Gemeinschaftskunde für das höhere Lehramt an Gymnasien an der Technischen Universität Dresden 1999 bis 2005; Juli 2005 Erstes Staatsexamen/ Thema der Staatsexamensarbeit: „Das Leid der Frommen und die Verzweiflung der Sünder. Suizid und Suizidversuche in Kursachsen 1547–1756“. Seit September 2005 tätig als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der TU-Dresden

18. Oktober: Markus VÖLKEL (Rostock)
„Das Netzwerk der Retrospektive. Vorschau auf eine künftige Globalgeschichte der Historiographie.“
Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Immer noch besteht das 'Gedächtnis der Menschheit' in der Regel aus 'Texten'. Das, was davon noch mündlich ist, wächst unaufhaltsam in die Textform hinein. Es scheint nunmehr an der Zeit zu sein, die historiographischen Texte alle Regionen und Zeitschichten zu registrieren und in ihrem Zusammenhang, ihren gemeinsamen Konstitutions- und Rezeptionsformen darzustellen. Da 'Geschichtsschreibung' als eine Zone zwischen 'Literatur' und 'Wissenschaft' anzusehen ist, kann eine globale Geschichte der Geschichtsschreibung nicht darauf verzichten, ihren Gegenstand in den Kontext von Literatur- und Wissenschaftsgeschichte einzubetten. So entsteht allmählich ein globales, für den Vergleich geeignetes Feld in dem künftig ein zunehmend vorurteilsfreier Dialog der historischen Kulturen und 'Gedächtnisse' möglich sein wird.
Zur Person: Jahrgang 1953; Studium der Geschichte, Philosophie und Anglistik in Tübingen 1973/75; Studium der Geschichte und Philosophie in München 1975/83; Promotion im Fach Neuere Geschichte 1983 bei Prof. Hans Schmidt und Arno Seifert mit einer Arbeit über die "Historische Skepsis" (Pyrrhonismus) in Deutschland; 1984/5 Arbeit am Stadtarchiv Augsburg (Ausstellung "Elias Holl"); 1985/90 wiss. Assistent und DFG-Habilstipendiat am Deutschen Historischen Institut in Rom; 1991 Habilitation über "Römische Kardinalsfamilien des 17. Jahrhunderts" in Augsburg (Prof. W. Reinhard); 1991/94 Lehrstuhlvertretungen an der LMU in München; 1992/3 Forschungsstipendiat in Wolfenbüttel; 1994 Berufung auf die Professur für "Europäische Geistesgeschichte und historische Methodologie" an der Universität Rostock. – Forschungsschwerpunkte: Europäische Historiographiegeschichte der Neuzeit (16.-19. Jh.); italienische und westeuropäische Sozial- und Kulturgeschichte; Europäische Hofkultur; Geschichte und Praktiken der Gelehrsamkeit (res publica literaria). – Arbeitsbereiche: Europäische Geistesgeschichte und Historische Methodologie. Die Europäische Geistesgeschichte befasst sich mit dem Entstehen, der Entwicklung und dem Verschwinden von Ideen, Theorien, individueller wie kollektiver Leitvorstellungen (Repräsentationen wie Diskurse) in Europa seit dem Mittelalter und entwickelt ihren Gegenstand im heutigen kulturhistorischen Paradigma. Sie zeigt, wie eine bestimmte Form des Denkens und Empfindens konkretes Handeln beeinflusst hat und umgekehrt von ihm geprägt wurde. Die Historische Methodologie kann als Wissenschaftslehre vor allem der Geschichtsforschung gelten; sie untersucht, kritisiert und systematisiert die Theorie und Praxis des Faches und sorgt damit sowohl für die Eingliederung der Geschichtswissenschaft in die allgemeine Wissenschaftstheorie als auch für die Festigung ihrer besonderen Methoden.

25. Oktober: Wolfgang BURGDORF (München)
„Ein Weltbild verliert seine Welt. Der Untergang des Alten Reiches und die Generation 1806“
Moderation: Wolfgang Schmale

Abstract: Der Vortrag bietet eine gänzlich neue Interpretation eines bekannt geglaubten Sachverhalts. Anders als bislang behauptet, ist das Alte Reich 1806 keineswegs „sang- und klanglos“ untergegangen, sondern mit vernehmlichem Getöse, begleitet von den Klagen der Zeitgenossen in allen Teilen Deutschlands. Zudem zeigt der Vortrag, wie Restriktionen der Kommunikation und die Schrecken eines neuen Krieges die Klagen über den Untergang des Reiches erst erstickten und dann in weite Ferne rückten. Ferner geht es um die Tabuisierung des Reichsendes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die gleichzeitigen Versuche der Kompensation und Sublimierung des Reichsverlustes.
Zur Person: Wolfgang Burgdorf studierte Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie und Pädagogik in Bochum; 1995 Promotion im Fach Geschichte. Nach dem Studium 1991 zunächst Assistent für Mittelalterliche Geschichte in Hamburg; 1992-93 Stipendiat des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz; danach Assistent für Neuere Geschichte in Bochum seit 1996 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität München. 2005 Habilitation in München und seitdem Privatdozent. Publikationen hauptsächlich zur Verfassungsgeschichte des Alten Reiches, zur Aufklärungs- und Akademiegeschichte, zur Frage des nationalen und des europäischen Bewusstseins seit dem Beginn der Neuzeit, zum Untergang der Reichskirche, zur Wahrnehmung verschiedener Völker seit dem Spätmittelalter, zu den Beziehungen Europas und der Türkei. Letzte Monographie: „Chimäre Europa“ Antieuropäische Diskurse in Deutschland (1648-1999), Bochum 1999. Zudem liefert Wolfgang Burgdorf regelmäßig Beiträge für den Rundfunk und für das Feuilleton, z. B. für Die Zeit oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Letztere sind vielfach nachgedruckt und in andere Sprachen übersetzt.

8. November: Verena MORITZ und Hannes LEIDINGER
"Momente, die die Welt verändern". Zur Bedeutung des Ereignisses in der Geschichte.
Podiumsdiskussion mit Gerhard Jagschitz, Erich Klein, Hannes Leidinger, Else Rieger und Karl Vocelka mit Präsentation der Buchneuerscheinung "Die Nacht des Kirpitschnikow" (Wien 2006)
Moderation: Martina Fuchs

Abstract: Die Veranstaltung beginnt mit einer kurzen Lesung aus der Titelgeschichte
des Buches. Es liest Mag. Else Rieger, Autorin und Lektorin des Deuticke-Verlages und Mitarbeiterin des bm:bwk. An die ausgewählten Textpassagen knüpfen sich einige Fragen zur Ereignisgeschichte. Dazu hält der Buchautor Dr. Hannes Leidinger ein Impulsreferat, wo es um das Verhältnis zwischen "Struktur" und "Ereignis" geht sowie um die Bedeutung einer "kurzen Dauer" aus gesellschaftlicher und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive. Mit der Frage, welche Zugänge zur Problematik des Augenblicks in der Geschichte gefunden werden können, wie Ereignisse definiert oder analysiert werden (semantisches bzw. Medienereignis, Bruch, Kontinuität bzw. kontrafaktische Überlegungen, Aspekte der historischen Biographik, "Ereignistypen", "Faktizität" des Ereignisses, Sinnzusammenhänge und Handlungsabläufe, "kurze Dauer", "Hauptereignisse" und "historische Zeitschichten") leitet Leidinger zu einer Podiumsdiskussion über. An der Diskussion beteiligt sich auch Univ. Prof. Dr. Karl Vocelka, der das "Ereignis" aus kultur- bzw. mentalitätengeschichtlichem Blickwinkel sowie aus der Sicht längerfristiger Entwicklungen seit der Frühen Neuzeit betrachtet und dabei nicht zuletzt auf die Leitgedanken der sogenannten "Annales"-Schule eingeht. Wie sich die "Knotenstruktur" der Geschichte im zeithistorischen Kontext ausnimmt, welche "Hauptereignisse" des 20. Jahrhunderts ins Auge zu fassen sind, wird Univ. Prof. Dr. Gerhard Jagschitz behandeln. Schließlich nimmt Dr. Erich Klein an der Diskussion teil. Klein, Journalist, Buchautor und Übersetzer hat sich u.a. in einer Radio-Rezension ausführlich mit der "Nacht des Kirpitschnikow" befasst.
Zu den Personen: Verena Moritz und Hannes Leidinger, beide geb. 1969, Historiker, Mitarbeit an mehreren wissenschaftlichen Projekten zur Entwicklung Mittel- und Osteuropas
im 20. Jahrhundert, zahlreiche Publikationen zur Geschichte Russlands und Österreichs, der Habsburgermonarchie und der Kommunistischen Internationale.

15. November: Elisabeth ZINGERLE (Graz) – in Kooperation mit dem IEFN
„Die Edition des Schriftverkehrs der Grazer Nuntiatur 1599–1602“
Moderation: Andrea Sommer-Mathis

Abstract: Eine Nuntiatur in Graz? Sie bestand von 1580–1622 in der innerösterreichischen Hauptstadt und war als ständige Vertretung des Papstes vor Ort mit kirchlichen aber auch militärischen und politischen Aufgaben betraut. Die insgesamt sechs Grazer Nuntien standen im regelmäßigen schriftlichen Kontakt zum päpstlichen Staatssekretariat. Eben dieser Schriftverkehr, bestehend aus Weisungen und Berichten – angereichert mit ergänzenden Schriftstücken – stellt eine vielfältige Quelle dar, die detaillierte Einblicke in die grundlegenden politischen, kirchlichen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Fragen der Zeit auf regionalem und lokalem Niveau vermittelt. Die in Arbeit befindliche Volltextedition befasst sich mit vier Jahren der Nuntiatur Girolamo Portias, der als Nuntius von 1592–1607 ungewöhnlich lange in Graz residierte und die „heiße“ Phase der innerösterreichischen Gegenreformation als Beobachter, aber auch als aktiv Beteiligter miterlebte.
Zur Person: Studium der Geschichte/Sozialkunde und Deutschen Philologie in Graz, Sponsion 2001; 2001–2003 Lehrtätigkeit am Privaten Gymnasium der Ursulinen in Graz; 2003–2006 insgesamt 22 Monate Stipendiatin am Historischen Institut beim Österreichischen Kulturforum in Rom für die Arbeit an der Edition des Schriftverkehrs der Grazer Nuntiatur 1599–1607; seit 1. Juni 2006 Projektmitarbeiterin an der Historischen Kommission der ÖAW (gefördert durch den Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank)

22. November: Max Paul FRIEDMAN (Florida State University)
„The Function of Anti-Americanism in Transatlantic Relations during the Vietnam War“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Successive U.S. administrations tried and failed to elicit substantial European support for the American military effort in Vietnam. Instead, European responses ranged from tepid official statements of support to open resistance. This dissent, manifested privately and publicly by Europeans in official and unofficial contexts, was characterized by U.S. officials as anti-Americanism: an irrational stance rooted in age-old prejudice and hostility to America and American values. Was anti-Americanism the source of opposition to the war in Vietnam? This paper analyzes European records, including declassified documents, to try to understand the perspective of those who criticized American policies. Rather than prejudices and the classic anti-American tropes one encounters in literature and propaganda of the far right and far left throughout the twentieth century, these records indicate sober assessments of politico-military conditions and an acute sense of the historical experience of colonialism. Anti-Americanism appears to have served an important function in transatlantic relations, not as a generator of opposition to U.S. policies, but as a distorting concept that led U.S. officials to falsely ascribe conflicting opinions to irrationality, preventing them from listening to critiques from their NATO allies and weighing them on their own terms. This study has important implications for similar divergences over international affairs in the twenty-first century.
Zur Person: Max Paul Friedman is Associate Professor of History at Florida State University. In recent years he has been an Alexander von Humboldt Fellow and a Jürgen Heideking-Fritz Thyssen Fellow at the Universität Köln. A practitioner of international history, he has done archival research in France, Germany, Great Britain, Italy, Switzerland, Argentina, Brazil, Colombia, Costa Rica, Ecuador, Guatemala, Mexico, and the United States. His first book, Nazis and Good Neighbors: The United States Campaign against the Germans of Latin America in World War II (Cambridge University Press, 2003), won the Herbert Hoover Book Prize in U.S. History and the A.B. Thomas Book Prize in Latin American Studies, and a chapter won the Amos Simpson Prize in European History. He is writing a book about anti-Americanism and U.S. foreign policy.

29. November: Angelika SCHASER (Hamburg)
„Jede Seele ist wie ein Gefangener, der selber sein Schloss sprengen muss“. Zu den Um- und Aufbrüchen in den autobiographischen Texten Elisabeth Gnauck-Kühnes
(Vortrag im Rahmen der Forschungsplattform "Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext: Vernetzung - Ressourcen - Projekte")
Moderation: Edith Saurer

Ausgehend von den neueren religions- und konfessionsgeschichtlichen Arbeiten, die durch die provokante These Olaf Blaschkes vom langen 19. Jahrhundert als dem „zweiten konfessionellen Zeitalter“ nochmals Auftrieb erhalten haben, ist davon auszugehen, dass auch im säkularisierten Zeitalter die religiöse Einstellung, der Glaube und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft einen größeren Stellenwert für das Individuum besaßen, als ihnen in der modernen Sozialgeschichtsschreibung bislang zugestanden wurde. Welche Bedeutung religiöse Konversionen für das Personkonzept von Konvertiten haben konnten, soll am Beispiel der bekannten Frauenrechtlerin und Sozialreformerin Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917) untersucht werden.
Angelika Schaser, seit 2001 Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg und seit 2004 Projektleiterin in der DFG-Forschergruppe 530 „Selbstzeugnisse in transkultureller Perspektive". Ihre Forschungsschwerpunkte liegen zur Zeit im Bereich der Frauen- und Geschlechtergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Bei den Konversionen im säkularisierten Zeitalter handelt es sich um ein neues Projekt.
Publikationen u. a.: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft (= L´Homme Schriften, Bd. 6), Köln, Weimar 2000; Käte Hamburger. Zur Aktualität einer Klassikerin. Hg. zusammen mit Johanna Bossinade (= Querelles, Bd. 8), Göttingen 2003; Erinnerungskartelle Zur Konstruktion von Autobiographien nach 1945, Hg., Bochum 2003; Frauenbewegung in Deutschland 1848-1933, Darmstadt 2006.

6. Dezember: Herbert KLEINLERCHER (Wien)
„Europäische Monarchie-Projekte in der Neuen Welt, 1807 – 1867“
Kommentar: Thomas Fröschl
Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Die Emanzipation der spanischen und portugiesischen Kolonien in der Neuen Welt betraf nicht nur ihre europäischen Mutterländer sondern berührte auch die Interessen der führenden europäischen Mächte. In der „Südamerikanischen Frage“ engagierten sich nach dem Ende der napoleonischen Kriege neben Großbritannien vor allem die Mitglieder der Heiligen Allianz, Russland, Frankreich, Österreich und Preußen, die, in Verfolgung des „Legitimitätsprinzips“, zunächst vehement für die Aufrechterhaltung des Kolonialstatus eintraten. Dabei spielte nicht nur die Politik der Wiederherstellung/Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der europäischen Mächte eine maßgebliche Rolle sondern auch die Befürchtung, dass die republikanische Verfassungsform der Vereinigten Staaten, die sie sich in der Neuen Welt durchzusetzen begann, das Ende der europäischen Monarchien bedeuten könnte. Mit den Monarchie-Projekten in Lateinamerika verfolgten die europäischen Monarchien das Ziel die gebietsmäßige Ausdehnung der Vereinigten Staaten und die Ausbreitung des republikanisch-demokratischen Systems durch einen „cordon sanitaire“ konstitutioneller Monarchien zu verhindern. Während des Kampfes zur Erreichung der Unabhängigkeit ging die Initiative zur Errichtung von Monarchien in vielen Fällen auch von der kreolischen Elite aus, die glaubte, mit der monarchischen Regierungsform und dem Prestige, das einem Monarchen von der Bevölkerung entgegen gebracht wurde, die bestehende Anarchie überwinden zu können.
Zur Person: 1962 Abschluss des Studiums an der Hochschule für Welthandel in Wien. Berufstätigkeit als Mitarbeiter eines internationalen Konzerns. Nach dem Ende der Berufstätigkeit Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Wien. Diplomarbeit zum Thema „Die Habsburgermonarchie und die Vereinigten Staaten, 1815-1861“.

13. Dezember: Alfred WEISS (Salzburg) – in Kooperation mit dem IEFN
„Josephinismus in Salzburg? Das Beispiel der kirchlichen Reformtätigkeit“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Obwohl der Begriff Josephinismus nicht bloß auf die staatskirchlichen Reformen der theresianisch-josephinischen Regierungszeit eingeengt werden soll, erscheint es sinnvoll, die Frage nach einem derartigen Modell im Erzstift Salzburg gerade anhand der planmäßig durchgeführten Erneuerung im religiös-kirchlichen Bereich zu stellen. In Salzburg regierte seit März 1772 der in Wien geborene Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, der dank des Einflusses Maria Theresias bereits 1761 zum Bischof von Gurk ernannt worden war. Trotz seiner Verbundenheit zu und zugleich Abhängigkeit von Österreich gelang es ihm, einen eigenen Regierungsstil zu entwerfen.
Zur Person: Studium der Geschichte und Sozialkunde, Philosophie, Pädagogik und Psychologie (Lehramt) in Salzburg, Doktorat 1993, Assistenzprofessor am Fachbereich Geschichts- und Politikwissenschaft der Universität Salzburg seit 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreich in der Frühen Neuzeit, Geschichte der Armut und der Kriminalität, Regionalgeschichte.

10. Jänner: Sandra EDER (Baltimore/Wien)
„The Birth of Gender. „Hermaphroditen“ Forschung am Johns Hopkins Spital in den frühen 1950er Jahren und die Entstehung des Genderbegriffs.“
Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: Um 1955 prägte ein Team von ÄrztInnen, EndokrinologInnen und PsychologInnen an der Klinik für pädiatrische Endokrinologie des Johns Hopkins Spitals (Baltimore, USA) erstmals den Begriff „Gender Role.“ Im Zuge ihrer Arbeit mit Kindern mit ambivalenten Geschlechtsmerkmalen bzw. „Hermaphroditen“ kamen sie zu dem Schluss, dass das Geschlecht, in dem die Kinder jeweils erzogen werden sollten, unabhängig von hormonellen und genetischen Faktoren gewählt werden konnte. Die „Gender Role“ ihrer PatientInnen war letztlich nicht von biologischen Faktoren abhängig. Diese Neukonzeption von Geschlecht wurde jedoch nicht vorrangig vom Interesse an der biologischen Differenz von Männern und Frauen vorangetrieben, sondern von den großen Fragen der zeitgenössischen Psychologie und Biomedizin. Eine genauere Analyse der Arbeiten von Dr. John Money, Leiter des psychologischen Teams zeigt, dass Schlüsselthemen wie die Beziehung von Körper und Geist, die Forschungsausrichtung nachhaltig beeinflussten. „Hermaphroditen“, die einen großen Gegensatz zwischen körperlichem Geschlecht und „Gender Role“ zeigten, schienen ideal für die Erforschung der Beziehung von Körper und Geist. Zusätzlich wurde die Forschung von den klinischen Notwendigkeiten (Diagnose, Behandlung) und dem tagtäglichen Umgang mit PatientInnen nachhaltig beeinflusst. Die Entstehung des Genderbegriffs muss daher im Kontext mit diesen theoretischen und praktischen Herausforderungen verstanden werden.
Zur Person: Sandra Eder, Mag.a Phil. am Institut für Geschichte der Universität Wien und MA in American Studies an der Columbia University (New York), wo sie als Fulbright Stipendiatin war. Zur Zeit Ph.D. Candidate am Institut für Medizingeschichte der Johns Hopkins University, Baltimore, USA, und Forte Stipendiatin. Lehraufträge in Wien und Baltimore; Forschung zur Sexualitäten- und Geschlechtergeschichte, speziell zu Sexualität und Geschlechtsdifferenz in der amerikanischen Biomedizin.

17. Jänner: Martin KRUMMHOLZ (Prag) – in Kooperation mit dem IEFN
„Kavaliersreisen und Mäzenatentum der Grafen Gallas“
Moderation: Friedrich Polleross

Abstract: Der Aufstieg der zuvor ziemlich unbedeutenden Trienter Adelsfamilie Gallas hängt eng mit den gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zusammen. Die Vermögensgewinne des Generals Mathias Gallas wuchsen direkt proportional zu dessen steiler Militärkarriere – beide auf Kosten Albrechts von Wallenstein. Die in Böhmen ansässigen Nachkommen des Generals verkauften die alten Trienter Besitztümer und vermehrten den neuen böhmischen Grundbesitz systematisch, sodass dieser seinerzeit zu den größten adeligen Dominien Böhmens gehörte. Der Vortrag wird vor allem den Kavaliersreisen der drei böhmischen Generationen der Grafen Gallas gewidmet sein. Die erste betrifft die zwei Söhne des General Mathias Gallas – Franz Ferdinand (1635–1697) und Anton Pankraz (1638–1695, Reise 1657/59), die zweite den künftigen kaiserlichen Diplomaten Johann Wenzl Gallas (1669–1719, Reise 1688/91) und die dritte den letzten männlichen Angehörigen der Familie, den Grafen Philipp Joseph 1703–1757, Reise 1722/23). Der Vortrag stellt ein Kapitel meines Dissertationsprojektes „Die Grafen Gallas. Barock-Kavaliere und Mäzene (1630–1757)“ dar, in dem die unterschiedlichen Karrieretypen der einzelnen Personen und die Residenzstruktur der Gallaschen Familie analysiert werden sollen.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte an der Karlsuniversität in Prag sowie an den Universitäten in Florenz und Wien; 2005 Rigorosum (PhD.), Univerzita Karlova, seither Postgradual-Studium der Kunstgeschichte. Berufliche Tätigkeiten u. a. im Archiv der Hauptstadt Prag sowie im Institut für Kunstgeschichte der Akademie der Wissenschaften. Dissertation: Die Grafen Gallas als Kavaliere und Kunstmäzene. Publikationen (Auswahl): Kalvárie života a díla Vilíma Amorta, in: Umení 2004, 372–381; Wachovy plány a puvodní dispozice Clam-Gallasova paláce, in: Zprávy památkové péce 2005, 344–351; Obrazová sbírka Jana Václava Gallase, in: Umení 2005, 273–285.

24. Jänner: Raffaella SARTI (Università degli Studi di Urbino, Käthe-Leichter-Gastprofessorin am Institut für Geschichte)
Der echte Diener. Zur Geschichte des häuslichen Dienstes in Europa ab 17. Jahrhundert
Moderation: Edith Saurer

1697 wurde in der italienischen Stadt Bologna eine Bruderschaft von Dienstboten gegründet. Bald agierte sie wie eine Zunft, die alle Dienstboten der Stadt in der Öffentlichkeit vertrat. Obwohl ihr nur relativ wenige Diener angehörten, legte sie fest, wer als Diener galt. Während die Bruderschaft im 18. Jh. im Hinblick auf Mitgliederzahlen und auf ihre Rolle in Bologna zunahm, erfuhr sie im 19. Jh. allmählich einen Niedergang, der am Ende des 19. Jh. zu ihrem Verschwinden führte. Die Gründe für ihren Niedergang lagen darin, dass die Bruderschaft an einem „altmodischen“ Konzept des Dieners festhielt. Beispielsweise wurden weibliche Dienstboten nie als Mitglieder angenommen – eine Entscheidung, die in der Epoche der Verweiblichung des häuslichen Personals unvermeidbar negative Konsequenzen haben sollte. In dem Vortrag wird die Geschichte der Bruderschaft von Bologna als Zugang zu einer vergleichenden Geschichte des häuslichen Dienstes in Europa behandelt. Besondere Aufmerksamkeit wird sich dabei auf jenen Prozess richten, der das Dienen zu einer typisch weiblichen Arbeit werden ließ. Es wird auch ein Blick auf die Entwicklung im 20. Jh. geworfen.
Zur Person: Studium in Bologna, Turin und Florenz; 1998-2000 Marie Curie Fellow in Paris und danach membre associé am Centre des Recherches Historiques in Paris; ab 2001 Forscherin an der Universität Urbino. Publikationen: Vita di casa. Abitare, mangiare e vestire nell'Europa moderna (Roma-Bari, Laterza, 1999), übersetzt in verschiedenen Sprachen, unter denen English: Europe at Home. Family and Material Culture 1500-1800 (New Haven-London, Yale University Press, 2002); Patrie e Appartenenze, hg. von M. Palazzi, R. Sarti u. S. Soldani (Genesis. Rivista della Società Italiana delle Storiche, I, 2002/1); Servizio domestico, migrazioni e identità di genere in Italia dall'Ottocento a oggi, hg. von J. Andall u. R. Sarti (Polis. Ricerche e studi su società e politica in Italia, XVIII, 2004/1); Proceedings of the Servant Project, hg. von S. Pasleau u. I. Schopp, mit R. Sarti (Liège, Éditions de l'Université de Liège, 2006); Nubili e celibi tra scelta e costrizione (secc. XVI-XIX), hg. von M. Lanzinger u. R. Sarti, (Udine, Forum, 2006, im Druck).

31. Jänner: Nicolas ROBIN (Jena)
„Zur Theoretisierung der wissenschaftlichen Kommunikation in der Botanik um 1800“
Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Die Entstehung der Botanik als wissenschaftliches Fach mit Akteuren, Zielstellungen und Werken geht auf die Zeit um 1800 zurück. Ihren theoretischen Ursprung fand die Botanik in der Lehre der Materia medica sowie in den ersten Schritten der biologischen Empirie. Ihre soziologische Struktur stützte sich auf die intellektuellen Strömungen der Aufklärung und der République des Lettres. Amateure, Dilettanten und Fachbotaniker konnten sich in einer europäischen Austauschkultur entfalten, in der ein reger Transfer von Wissen, Erfahrung und Material stattfand. Aufgrund dessen gehen wir davon aus, dass in der Zeit um 1800 die Kommunikation der Hauptkatalysator des Entstehungsprozesses der botanischen Theorien war und gleichzeitig die fachliche Positionierung der botanischen Praxis in der europäischen institutionellen Wissenschaftslandschaft vorantrieb. Ich möchte im Folgenden die Räume des Wissens und der botanischen Kommunikation von den botanischen Gärten bis hin zu den exotischen Naturlandschaften beschreiben. Indem ich auf den Begriff der wissenschaftlichen Kommunikationsverdichtung und die Idee einer Wahrnehmungskultur zurückgreife, versuche ich darüber hinaus ein dynamisches Bild der Wissenschaft zu zeichnen.
Zur Person: geb. 1977, 1999 Mag., Biologe der Université de Paris VI, 2000 Dipl. Museologe des Museum National d’Histoire Naturelle Paris, 2000-2003 Doktorand im Fach Geschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales Paris, 2003 Promotion mit einer Dissertation über die Geschichte der botanischen Netzwerke um 1800, Biographie des Naturforschers J.-B. Mougeot (1776-1858). Seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller Universität Jena und Autor mehrerer Aufsätze über die Geschichte der Botanik um 1800.

Falls Sie in Zukunft keine Zusendungen von "Geschichte am Mittwoch" erhalten wollen, bitten wir Sie, ein Email mit dem Betreff "Abmeldung" an veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at zu senden.If you do not want to receive our mailings please send an e-mail to: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at