Geschichte am Mittwoch (GaM) im WS 2003/04

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Thomas Fröschl
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

08.10. – Jonas FLÖTER  (Leipzig)
„Friedrich Ferdinand von Beust (1809-1886) im Visier seiner politischen Gegner“
Präsentation des Buches von Jonas Flöter, Beust und die Reform des Deutschen Bundes, 1850-1866 (Böhlau: Köln-Weimar-Wien 2001) in Verbindung mit dem Verlag.
Ferner sprechen Stefan Malfèr und Anatol Schmied-Kowarzik.
Moderation: Alfred Kohler
Im Anschluss an die Veranstaltung lädt der Böhlau Verlag zu einem kleinen Umtrunk in die Räume des Instituts für Geschichte

Abstract: Der sächsische Außenminister Freiherr von Beust war unter den Politikern der deutschen Mittelstaaten der engagierteste konservative Reformer. Nach der Revolution 1848/49 trat er leidenschaftlich für die Erhaltung und föderale Weiterentwicklung des Deutschen Bundes ein. In drei großen Reformdenkschriften 1856, 1857 und 1861 sprach er sich für die Errichtung einer Volksvertretung beim Deutschen Bund und die Schaffung eines Bundesgerichts aus. Gemeinsam mit Österreich machte sich Beust für die Reform des föderalen mitteleuropäischen Staatenbundes stark. Er trat damit sowohl der nationalliberalen deutschen Einheitsbewegung als auch dem Expansionsstreben Bismarcks entgegen. Allerdings gelang es nicht, ein gemeinsames Reformprogramm der deutschen Mittelstaaten zu entwickeln. Folglich konnte der gewaltsamen kleindeutschen Einigungspolitik Bismarcks keine staatenbündische Alternative entgegengestellt werden.
Zur Person: geb. 1967, Studium der Geschichte, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Journalistik (Mag. phil. 1995 Wien, Dr. phil. 2001 Leipzig). 1996-1998 Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung, 1999 Forschungsstipendiat am Institut für Europäische Geschichte in Mainz; seit 2001 Projektstelle der Fritz Thyssen Stiftung, Köln, am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V., Dresden. Forschungsschwerpunkte sind die Deutsche Verfassungs-, Politik- und Diplomatiegeschichte und die Deutsche Bildungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Österreichische Politik- und Diplomatiegeschichte des 19. Jahrhunderts.

15.10. – Anita TRANINGER (Wien)
„Tarnen und Täuschen. Improvisation, Bluff und hohles Geschwätz’ in frühneuzeitlichen Wissenschaftskulturen“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Franz Eybl

Abstract: Im April 1619 kommt René Descartes auf der Durchreise in Dordrecht mit einem älteren Mann ins Gespräch. Dieser rühmt sich, über jede beliebige Materie eine volle Stunde lang sprechen zu können, eine weitere über ein anderes Thema, und so fort - zwanzig Stunden könne er am Stück deklamierend zubringen. Descartes hält ihn für einen Schwätzer, tauscht sich mit ihm aber über die Grundlagen dieser Fähigkeit aus: Es ist eine bestimmte Methode, die solche Stegreifrede ermöglicht, die ars lulliana. Der Vortrag stellt diese zwischen 1530 und 1720 viel beschriebene, ebenso bewunderte wie attackierte Diskurstechnik vor und situiert sie in Kontexten gelehrter Tätigkeit in der Frühen Neuzeit: der Universität, dem Hof, der Kanzel.
Zur Person: geb. 1969, Studium der Deutschen Philologie und Japanologie (Universität Wien); 1994-1996 Mitarbeiterin am Institut für Germanistik (Forschungsprojekt zur Ars memorativa; Leiter: Wolfgang Neuber); 1996-1997 Doktoratsstipendium der Österr. Akademie der Wissenschaften; 1998 Promotion; seit 2000 wiss. Mitarbeiterin und seit 2001 Geschäftsführerin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit.

22.10. – Gabor AGOSTON (Washington, DC; Gastprofessor am Institut für Geschichte der Universität Wien im Wintersemester 2003/04)
„Guns and Empire: Weapons Industry and Military Power in the Ottoman Empire, 1500-1800“.
Moderation: Andrea Griesebner

Abstract: The lecture is a short summary of some of the results of my Guns and Gunpowder for the Sultan to be published by Cambridge University Press. In the “gunpowder age” the adequate and steady supply of weaponry and military hardware was a sine qua non for states that wanted to achieve long-standing military prominence. The aim of the book is to understand the Ottoman weapons industry, the systems and methods by which the Sultans procured their armaments. Based on extensive research in the Turkish archives, the book offers new insights regarding the early success of an Islamic empire against its European adversaries and its subsequent failure. It also challenges and qualifies many of the sweeping statements in Eurocentric and Orientalist scholarship with regard to Ottoman (and Islamic) military technology and military capabilities. Of these, the notion of “Islamic conservatism,” the Ottomans’ supposed “technological inferiority,” as well as the Empire’s alleged insufficient production capacity and the putative Ottoman dependence on European imports, are given special attention in the lecture.
Zur Person: Ph.D. in History in 1994 (Hungarian Academy of Sciences), Doctor Universitatis 1986 (summa cum laude, Eötvös Loránd University, Budapest, Hungary). Asst. Prof. of Ottoman history at Georgetown University (Washington, DC, 1998-present); previously Associate Prof. at Eötvös Loránd University, Budapest and at the University of Pécs, Hungary.

29.10. – Thomas FRÖSCHL (Wien)
„Gibt es eine Geschichte der Amerikas?“
Moderation: Ursula Prutsch

Abstract: Gibt es analog zu einer europäischen Geschichte auch eine gesamtamerikanische Geschichte? Ist es sinnvoll, diese Frage angesichts globalgeschichtlicher Herausforderungen anzugehen? Welches sind die übergreifenden historischen Erfahrungen, die den Nationalgeschichten der einzelnen Staaten der Neuen Welt gemeinsam sind und einen Vergleich mit Europa zulassen? Liegen die hemisphärischen Gemeinsamkeiten gar nur in der Kolonialgeschichte? Wie relevant ist der Gegensatz zwischen einer angloamerikanischen und einer lateinamerikanischen Welt? Wo hat in diesem Konzept das französisch geprägte Amerika seinen Ort? Wie kann die Vielfalt, wie können die Pluralitäten und Gegensätzlichkeiten in allen Teilen der Amerikas in eine mögliche Gesamtgeschichte der westlichen Hemisphäre integriert werden? Der Vortrag wird diese und andere Fragen thematisieren und versuchen, einige Antworten zu formulieren.
Zur Person: Thomas Fröschl, ao. Univ.-Prof. für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien. Schwerpunkte in der Forschung und Lehre: Geschichte der Atlantischen Welt, Brasiliens und besonders der USA.

05.11. – Teresa FRISCH-SOTO (Wien)
“Quo vadis Argentinien? Eine historische Analyse der gegenwärtigen Krise”
Moderation: Ursula Prutsch

Abstract: Der Vortrag analysiert die wichtigsten Abschnitte der Geschichte Argentiniens von der Unabhängigkeitsbewegung im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts bis zur Konsolidierung eines nationalen Projekts am Ende des selben Jahrhunderts. Es folgen Untersuchungen über die Auswirkungen der Weltkriege, besonders des 2. Weltkriegs.
Am Ende steht die Betrachtung der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, der Weg in den Niedergang des politischen und wirtschaftlichen Systems. In den einzelnen Abschnitten des Vortrags werden sowohl die bestimmenden historischen Phänomene untersucht, als auch das Versagen der politischen Eliten, welche die gegenwärtige neokoloniale Lage des Landes verursacht haben.
Zur Person: Teresa Frisch-Soto Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Geschichte: Studium der Soziologie und Fächerkombination in Lima, Perú und Geschichte in Wien. Arbeitsschwerpunkt: Geschichte Lateinamerikas des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere die Geschichte der geistigen Strömungen des Kontinents.

12.11. – Wolfgang TREUE (Duisburg-Essen)
„Sprache und interkulturelle Kommunikation auf Reisen durch das frühneuzeitliche Europa“ (in Kooperation mit dem IEFN)

Moderation: Barbara Staudinger

Abstract: Ein zentraler Gegenstand von Reiseberichten ist die Erfahrung des Fremdseins, die je nach Route und persönlichen Voraussetzungen früher oder später einsetzen, abrupter oder sanfter verlaufen kann. Mit ihr beginnt die Notwendigkeit zu interkultureller Kommunikation, auf die der Reisende mit verschiedenen Strategien reagieren kann. Aneignung fremder Sprachen ist eine wichtige, aber nicht die einzige Möglichkeit, drohender interkultureller "Sprachlosigkeit" zu begegnen und soll daher im Zusammenhang mit anderen Zeichensystemen (Kleidung, Moral, Sitten etc.) dargestellt werden. Um einen geeigneten Bezugsrahmen zu erhalten, ist es sinnvoll, dabei auf allzu scharfe Kontraste wie Alte Welt/Neue Welt zu verzichten und die Untersuchung im wesentlichen auf europäische Reisende in Europa zu beschränken.
Zur Person: geb. 1963 in Bonn, Studium der Geschichte und Philosophie in München, Aix-en-Provence und Berlin, Promotion 1994 in Trier, wissenschaftlicher Mitarbeiter des deutsch-israelischen Forschungsprojekts Germania Judaica IV an der Universität Düsseldorf, Lehrtätigkeit an der Universität Duisburg-Essen; Publikationen im Bereich der jüdischen Geschichte, Medizingeschichte, Geistes- und Mentalitätengeschichte.

19.11. - Juraj SEDIVY (Bratislava)
"Schriftkultur im mittelalterlichen Pressburger Kapitel“
Moderation: Christoph Sonnlechner

Dieser Vortrag ist Teil des workshops "Historische Forschung bei den Nachbarn: Bratislava/Preßburg", das vom Institut für österreichische Geschichtsforschung (IföG) veranstaltet wird.

Abstract: Das Pressburger Kapitel war während des ganzen Mittelalters eine wahrhaft internationale kirchliche Institution. Mit dem Sitz im Grenzgebiet des Ungarischen Königreiches war es personell und kulturell stark mit dem Gebiet des heutigen Österreich verbunden. In einigen Perioden war auch der Einfluss der aus dem Königreich Böhmen stammender Kanoniker zu spüren. Die mittelalterliche Bibliothek des Kapitels war wahrscheinlich die größte auf dem Gebiet der heutigen Slowakei, ihre Kanzlei zählte ebenfalls zu den bedeutendsten auf dem Territorium. Besonders im Hochmittelalter war ihre kulturelle Tätigkeit fest mit der Geschichte der Stadtgemeinde von Pressburg verbunden und hat auf die Entfaltung der städtischen Verschriftung einen starken Einfluss ausgeübt. Es war in das System der glaubwürdigen Orte eingebunden, was eine relativ frühe Urkundenverschriftung unterstützte. In den wirtschaftlich und personell günstigen Perioden wirkte eine zeitlang auch das eigene Skriptorium.
Zur Person: Juraj Sedivy, geb. 1971 in Bratislava; studierte Geschichte und Archivwesen an der Comenius Universität in Pressburg (1996); Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (1995). Doktorat an der Comenius Universität (2002), wo er z.Zt. Assistent am Lehrstuhl für Archivwesen und Historische Hilfswissenschaften ist. Im Bereich des Mittelalters spezialisiert auf lateinische Paläographie und Kodikologie; daneben Beschäftigung mit der historischen Anthropologie (Auffassung von Fremden, Naturwahrnehmung). Er koordiniert das Projekt Latin Paleography Network - Central and Central-East Europe. Seine Publikationstätigkeit erstreckt sich auf die Slowakei, auf Österreich, Ungarn und die Tschechischen Republik.

26.11. – Ralph ANDRASCHEK-HOLZER (St. Pölten)
„Regionale Historiographiegeschichte am Beispiel klösterlicher Geschichtsforschung in Niederösterreich, 1600-2000“
Moderation: Helmuth Grössing

Abstract: In die Erforschung der österreichischen Historiographiegeschichte ist nach längerer Stagnation wieder Leben gekommen. So haben etwa Arno Strohmeyer (Bonn) und der Vortragende unabhängig voneinander das Potential des von Jörn Rüsen entwickelten Modells einer geschichtswissenschaftlichen Matrix auszuschöpfen getrachtet: Während Strohmeyer mit dem Rüsen-Modell auskommt, musste der Vortragende eine Adaptierung desselben vornehmen, welche einer stärkeren Durchdringung fachlicher Verfasstheit und lebensweltlicher Integration von Geschichtsschreibung auf regionaler Ebene Rechnung zu tragen versucht. In diesem Vortrag werden beide Modelle vorgestellt und die „adaptierte“ Fassung veranschaulicht; dies geschieht anhand eines Vergleichs zwischen zwei neueren Geschichtsforschern klösterlicher Provenienz: P. Friedrich Endl OSB (1857-1945) sowie Alphons Zák O.Praem. (1868-1931). Beide wirkten im Anschluss an haus- bzw. ordensspezifische Traditionen, die fortzusetzen sie bemüht waren; beide besaßen für ihre Arbeit zentrale persönliche Bezüge v.a. zu den Orten ihres Wirkens; beide schließlich bewiesen durch besondere Formen des Geschichte-Schreibens, Geschichte-Erlebens, ja -Mitgestaltens ein individuell zu bemessendes integriert sein in ihre Lebenswelt als Forscher und Geistliche.
Zur Person: Ralph Andraschek-Holzer geb. 1963 in Horn, NÖ. 1982-88 Studium der Deutschen Philologie und Kunstgeschichte (Mag., Dr., Promotion 1992), seit 1994 an der NÖ Landesbibliothek. Wissenschaftliche Ausstellungen und Vorträge, über 60 Publikationen zu diversen Themen der geschichtlichen Landeskunde. Forschungsschwerpunkte: Topographische Ansichten der Frühen Neuzeit, regionale Historiographiegeschichte und die historischen Klöster Österreichs.

03.12. – Eveline LIST (Wien)
„Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft“
Moderation: Birgitta Bader-Zaar

Abstract: Sigmund Freud entwickelte die Psychoanalyse zwar an der klinischen Arbeit, hat sich aber bald auch gesellschaftlichen Phänomenen zugewandt und in seinen kulturtheoretischen Schriften etwa über Krieg, Gesetz, Religion, Mythen und kollektive Erinnerung nachgedacht. Neu war die Analyse der Bindungen der Menschen an die Welt und untereinander als Entsprechung von Innenwelt und Außenwelt auf der Grundlage der Erkenntnisse über das mentale Funktionieren von Individuen und Kollektiven.
Wenngleich es einzelne herausragende Beispiele psychoanalytischer Geschichtsforschung gibt, war der effektive Einfluss der Psychoanalyse vor allem ein indirekter. Viele aktuelle historische Arbeiten wären ohne Psychoanalyse als Fragestellung überhaupt nicht denkbar und können freilich ohne sie auch nicht erschöpfend bearbeitet werden.
Zur Person: Eveline List Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Inst. f. Geschichte. Studium u.a. Psychologie, Geschichte, und Volkswirtschaft. Ausbildung in Psychoanalyse und Gruppenanalyse. Lehranalytikerin der IPA.
Forschungsschwerpunke: Psychoanalytische Geschichtsforschung und Wissenschaftsgeschichte der Psychoanalyse.

10.12. – Irmgard WIRTZ (Bern/Wien)
„Die Bewältigung der Affekte. Grimmelshausen und die Ethikdebatte um 1650“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Die literaturwissenschaftliche Diskussion der Affekte im 17. Jahrhundert konzentriert sich auf das stoizistischen Modell in der Rezeption durch Lipsius, wie es in den barocken Tragödien zur Darstellung gelangt. Die theoretische Diskussion der Affekte in Rhetoriken und Ethiken gerät um 1650 jedoch in eine Definitionskrise, die keinen einheitlichen Konsens darüber zulässt, was die Natur der Affekte ist und wie diese zu gebrauchen sind. Die thomistischen und augustinischen Affektenmodelle werden in den Rhetoriken und Ethiken des 17. Jahrhundert breit rezipiert. Deshalb wird zu zeigen sein, wie diese die Affekte verstehen und welchen Gebrauch sie empfehlen. Wie die neoaristotelischen Affektenkonzepte für die Poetik des Romans nach 1650 produktiv wirksam werden, kann die Lektüre von Hans Jacob Christoff von Grimmelshausens erstem Roman zeigen.
Zur Person: Assistentin am Institut für Germanistik, Bern, Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik, Wien, Dissertation zu "Joseph Roths Fiktionen des Faktischen" (1997). Forschungsschwerpunkte: Nachlass Friedrich Dürrenmatts - Werkgenese und Interpretation; Rhetorik, Ethik und Poetik des Barockzeitalters. Publikationen zur schweizerischen und österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts (Dürrenmatt, Burger, Boesch, Kafka, Roth), zur Exilliteratur, zum spätbarocken Roman (Beer, Grimmelshausen, Ziegler und Kliphausen).

17.12. – Wolfgang HÄUSLER (Wien)
„Goethe-Zeit und Sanftes Gesetz. Bemerkungen zu Bildungsgeschichte und Naturwissenschaft“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: An einem Wendepunkt seiner Lehr- und Wanderjahre angelangt, möchte der Vortragende nicht Abschied von Forschung und Lehre nehmen, sondern in einer "Lebensabschnittsvorlesung" über die Wechselwirkung von Natur-Geschichte und Wissenschaftskultur sprechen. Dabei versteht sich "Goethe-Zeit" nicht als Zitierung einer klassischen Epoche, sondern als Erschließung eines neuen Zeithorizonts für ein genetisches Verständnis des Welt- und Menschenbildes. Die scheinbar naiven Fragen "Wie nennt man diesen Stein?" und "Was ist das?" erweiterten sich zu dem umfassenden naturhistorischen Problem: "Wie ist das alles geworden?" Metamorphose und Entwicklung wurden Leitmotive der Wissenschaft von der Geschichte der Erde und des Lebens, die sich als Geologie, Paläontologie und Biologie formierte. Diese neue Ordnung der Dinge im Prozess der Entdeckung der Welt und des Menschen zeichnete sich in Stifters "Bunten Steinen" und dem Postulat des "Sanften Gesetzes" ab. Schließlich wird zu prüfen sein, ob der Schlusssatz des "Nachsommer" - "...und jedes selbst das wissenschaftliche Bestreben hat nun Einfachheit Halt und Bedeutung" - noch in unserer Zeit Anspruch auf Geltung hat.
Zur Person: Wolfgang Häusler, geb. 1946 in St. Pölten, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien, Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 1970 Promotion zum Dr. phil. sub auspiciis praesidentis rei publicae, 1978 Habilitation, seit 1984 Ordentlicher Professor für Österreichische Geschichte. Forschungen und Veröffentlichungen zur österreichischen und Wiener Geschichte, namentlich des 19. Jahrhunderts, zur Landeskunde von Niederösterreich und zum Thema des Vortrages.

Anschliessend Gespräch bei Brot und Wein

07.01. – Anna L. STAUDACHER (Wien)
“Von Hand- und Todeszeichen.” Kreuzeln in Wiener Matriken und Protokollen, 18. und 19. Jahrhundert.
Moderation: Winfried Stelzer

Abstract: Wer nicht schreiben konnte, setzte bis tief ins 19. Jahrhundert sein “Handzeichen” unter offizielle Schriftstücke: Kreuzeln, selten eines allein, zumeist drei. Diese Handzeichen hatten die Funktion einer Namensunterschrift: Von einem überwältigenden Formenreichtum in der Größe von einem Daumennagel, wurden sie zuweilen über Jahre konstant und flüssig gesetzt und sind bestimmten Personen zuzuordnen. Kreuzeln als Todeszeichen setzten Schreiber in den Findelhausprotokollen anstelle ihrer Paraphe. Diese Kreuzeln - gleichfalls von einem unglaublichen Formenreichtum - sind bestimmten Händen (Schreibern) zuzuordnen. Diese Kreuzeln, von ihrem Entstehungskontext gelöst, stark vergrößert in Bilderrahmen gesetzt - Kunstwerke, deren Ursprung niemand auch nur im entferntesten erahnen könnte.
Zur Person: Anna L. Staudacher, Universitätsdozentin am Institut für Geschichte. Studium der Romanistik und Geschichte in Wien und Lausanne; Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mit der Austrian Jewish Biography dem ÖBL zugeordnet. Forschungsschwerpunkte: Jüdische Konvertiten in Wien 1782-1914.

14.01. – Jakob MICHELSEN (Hamburg)
„Gleichgeschlechtliche Sexualität im frühneuzeitlichen Hamburg“ (in Kooperation mit dem IEFN)
Moderation: Susanne Hehenberger

Abstract: Der Vortrag untersucht Lebensrealitäten, Wahrnehmungen und Verfolgungspraxis gleichgeschlechtlicher Sexualität im Hamburg der Frühen Neuzeit. Thematisiert werden insbesondere soziale Orte gleichgeschlechtlichen Sexes, Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Beteiligten, geschlechtsspezifische Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie die Frage von Öffentlichkeit und Nichtöffentlichkeit obrigkeitlicher Sanktionen. Die Befunde werden vergleichend in Beziehung gesetzt zum bisherigen Forschungsstand zu frühneuzeitlicher Sodomie, auch außerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.
Zur Person: geb. 1964, Studium der Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Veröffentlichungen zur Geschichte gleichgeschlechtlicher Sexualität sowie zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte (Ostforschung, Rassenkunde). Daneben Tätigkeiten als freier Journalist, als Korrekturleser und bei einem Universitätsverlag. Schreibt zurzeit an einer Magisterarbeit über gleichgeschlechtliche Sexualität im frühneuzeitlichen Hamburg.

21.01. – Christopher F. LAFERL (Wien)
„Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft – Anmerkungen zur Praxis an der Universität Wien“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Literaturwissenschaft und Geschichtswissenschaft sind seit langer Zeit etablierte Disziplinen des universitären Lehr- und Forschungsbetriebes. In diesem Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, wie sehr sich diese beiden Gebiete überschneiden, ob die Literaturwissenschaft vielleicht überhaupt nur eine Subdisziplin der Geschichte ist wie auch die Sozial-, Wirtschafts- oder Diplomatiegeschichte, oder ob der Zugang zur Literatur vergangener Epochen aus einer Perspektive der Ästhetik nicht gänzlich anderer Natur ist als jener der historischen Wissenschaften. Schließlich soll der Frage nachgegangen werden, wie sich das Verhältnis zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft an der Universität Wien in den letzten Jahren gestaltet hat.
Zur Person: Christopher F. Laferl, ao. Univ. Prof. am Institut für Romanistik, Universität Wien, arbeitet zur spanischen und lateinamerikanischen Literatur- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit und des 20. Jahrhunderts. Neben der Romanistik studierte er Geschichte an der Universität Wien, absolvierte den Lehrgang des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung und publiziert zur Geschichte der Habsburger im 16. Jahrhundert. Er war Gastprofessor an der University of Texas at Austin, der Universidade de São Paulo und der Universidade Federal da Bahia.

28.01. – Robin ARCHER (Oxford/Wien)
”Why is there No Labor Party in the United States? The Effect of Police and Military Repression in the Late Nineteenth Century” Kommentar: Margarete Grandner
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: In the early 1890s American unions came close to establishing a labour party. Amidst the worst depression of the 19th century, they experienced a series of major industrial confrontations in which governments sided with employers and left them completely defeated. But the unions ultimately decided to reject any involvement in party politics. In subsequent years this position became firmly entrenched, and the United States became the only industrialised country without a labour-based political party. There are two conventional theses about the effect that state repression had on this outcome. According to the soft repression thesis there was so little repression in the United States that unions did not have a sufficient incentive to engage in political action. According to the hard repression thesis there was so much repression that unions were cowed into adopting an apolitical stance. This talk makes use of a ‘most similar’ comparison with Australia in order to examine which if either of these arguments in right.
Zur Person: Senior Research Fellow am Corpus Christi College, Oxford University, z.Z. Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien. Wichtigste Publikationen: Economic Democracy: The Politics of Feasible Socialism (Oxford 1995). Why is there no Labor Party in the United States? (Princeton 2004, im Druck).

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