Geschichte am Mittwoch

Programm SS 2014

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.30 s.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Andrea Brait
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

5. März 2014
Marita Hübner: Hybridität und Formenvielfalt in Naturforschung und Satire der Aufklärung

Moderation: Marianne Klemun

Abstract:
Naturwissenschaft und Satire der Aufklärung erhellen sich gegenseitig. Behauptet diese, nützliches Wissen bereit zu stellen, zeigt jene schonungslos das Absurde und Lächerliche, Eitle und Verschwenderische an der Naturforschung auf. Möchte Naturforschung sich als ästhetisch ansprechend präsentieren, suggeriert die Satire, dass es mit der Erhabenheit ihrer Objekte nicht allzu viel auf sich hat. Will Naturforschung zur Aufklärung beitragen, glaubt Satire über den provinziellen Charakter der Naturforschung selbst aufklären zu müssen. Was lässt sich mittels Satire in diesem gleichsam verspiegelten Diskursraum über den Charakter der im Entstehen begriffenen Naturwissenschaften in Erfahrung bringen?
Mein besonderes Interesse gilt den hybriden Formen von Wissen, Naturforschung und Satire. Hybride, monströse, und andere, außerhalb der Norm stehende Lebens-, Phantasie- und Naturformen finden sich vermehrt als Gegenstände sowohl von Kunst, Naturforschung als auch Satire.  Von Interesse ist nicht nur der Bestand der etablierten Wissenskategorien angesichts der Formenvielfalt. Hybridität in Naturforschung und Satire lässt uns auch die Bezüge der Naturforschung zu anderen Wissensbereichen, etwa der Geschichte, schärfer erfassen. Die Verflechtung von Satire, Geschichte und Naturforschung bildet selbst ein hybrides Ganzes. Seien Rekonstruktion lädt zu einer Revision unserer historiographischen Kategorien ein. Die Schlüsselbedeutung der Hybridität für das Wissen soll beispielhaft anhand von einigen ausgewählten Wissenschaftssatiren der Aufklärung veranschaulicht werden.

Zur Person:
Marita Hübner, Dr. phil., studierte  in Göttingen und Wien, und forschte in Oxford, Oslo, UC Berkeley sowie am California Institute of Technology. Sie ist spezialisiert auf die Geschichte der Neuzeit mit Schwerpunkten in den Bereichen Wissenschaftsgeschichte, Religion und den Orient.

19. März 2014
Nacim Ghanbari: Das Genie als Günstling. Lenz’ „Die Freunde machen den Philosophen“ (1776)

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract:
Im Zentrum des Vortrags steht J.M.R. Lenz’ „Die Freunde machen den Philosophen“ von 1776. Das Schauspiel, dessen Uraufführung erst spät, 1988 im Kulturhaus des französischen Städtchens Gennevilliers erfolgte, handelt von der unglücklichen Liebe des armen Philosophen Strephon zur Patriziertochter Seraphine. Strephon, „ein junger Deutscher, reisend aus philosophischen Absichten“, ist einer jener dem Elternhaus entlaufenen, in der Fremde verschuldeten Söhne, von denen die deutsche Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts reich bevölkert ist. Jenseits dieses konventionellen Motivs und Handlungsschemas – und dessen unkonventioneller Auflösung – bietet das Stück aufschlussreiche Hinweise auf die historische Semantik der Patronage im 18. Jahrhundert. Liebe, Freundschaft, Prostitution und Dienstverhältnis sind in diesem Drama durchlässige Größen, die gegeneinander ausgespielt werden: Wo verläuft die Grenze zwischen Günstling und Klient, Freund und „Parasit“? Was geschieht, wenn der Liebesdienst auf Entlohnung drängt? Während Lenz, dieser Kultautor der Germanistik, mit seinem „Hofmeister“ von 1774 klare, nahezu formelhafte Antworten auf diese Fragen bietet, versetzt er den Philosophen Strephon in unruhige dramatische Szenen.

Zur Person:
Nacim Ghanbari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. Veröffentlichung unter anderem: Das Haus. Eine deutsche Literaturgeschichte 1850–1926. Berlin/Boston: de Gruyter 2011.

26. März 2014
Bibliothek des Instituts für Geschichte: Lesesaal
Buchpräsentation: Alfred Kohler: Neue Welterfahrungen. Eine Geschichte des 16. Jahrhunderts (Aschendorf 2014)

Abstract:
Transkontinentale Welterfahrungen in Europa, aber auch in Asien, Afrika und Amerika, stellen ein Spezifikum des 16. Jahrhunderts dar und heben diese Epoche besonders hervor. Welterfahrungen dieser Intensität hatte es bis dahin noch nicht gegeben. Vor allem in Europa gelang es, das geographische und kulturelle Wissen von jenen Regionen der Erde, die im Zuge der europäischen Expansion des 15. und 16. Jahrhunderts bekannt geworden waren, zu systematisieren und verfügbar zu haben.
Die vorliegende Monographie versucht neue Orientierungsmöglichkeiten, Perspektiven und Einsichten der europäischen Geschichtswissenschaften aufzuzeigen, die in unserer globalisierten Gegenwart dringend geboten sind. Dies gilt insbesondere für die Interdependenz zwischen der Geschichte Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Im Detail geht es nicht nur um die kontinentalen Räume, sondern vor allem um den transkontinentalen Vergleich von Handels-, Wirtschafts- und Herrschaftssystemen, Religionen, Konfessionen, Lebenssystemen und Politik, Eliten, Bildung, Medien und Wissenschaft.

Eingeleitet wird die Buchvorstellung von Institutsvorstand Andreas Schwarcz und Dirk Paßmann, Verlagsleiter Buch des Aschendorff Verlages.

Büchertisch der Buchhandlung Kuppitsch

Umtrunk

Zu den Personen:
Andreas Schwarcz ist ao.Univ.Prof. für Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften, Spezialist für Geschichte der Spätantike und des frühen Mittelalters und seit 2012 Vorstand des Instituts für Geschichte an der Universität Wien.
Dirk Friedrich Paßmann ist Verlagsleiter Buch beim Aschendorff Verlag, Münster. Er hat im Fach Anglistik promoviert und arbeitet weiterhin vor allem über das 18. Jahrhundert, besonders über den Satiriker Jonathan Swift. Seine Dissertation behandelt die authentische Reiseliteratur und Swifts Gulliver's Travels.
Alfred Kohler war bis 2011 o. Univ.-Prof. für neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien; 2004–2006 erster Dekan der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät. Er ist Autor zahlreicher Biographien und Monographien zur frühneuzeitlichen Geschichte.

2. April 2014 Bibliothek des Instituts für Geschichte: Lesesaal
Dorothee Wierling: Kriegsgewalt – imaginiert und kommuniziert: Die Korrespondenz einer Berliner Familie, 1914-1918,
im Rahmen der Präsentation des Bandes „Gender and the First World War“ (Palgrave 2014), hrsg. von Christa Hämmerle, Oswald Überegger und Birgitta Bader-Zaar

Begrüßung: Claudia Theune-Vogt, Dekanin der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät

Moderation: Gabriella Hauch, Institut für Geschichte

In den Jahren des Ersten Weltkriegs schrieben sich die sozialdemokratische Feministin Lily Braun, ihr Ehemann Heinrich, der gemeinsame Sohn Otto sowie eine enge Freundin der Familie, Julie Vogelstein, etwa 2000 Briefe. Wie in ebenfalls erhalten gebliebenen Tagebüchern von Otto Braun, ging es darin auch um Kriegsgewalt und Gewalterfahrung – was im Zentrum des Vortrags stehen wird. Er analysiert beispielhaft fünf Briefe und verknüpfte Tagebucheinträge, um so die Lebens- und Sinnwelt der Schreiber/innen zu erschließen. In ihrer Korrespondenz „übersetzen“ sie zuvor rein Privates und Alltägliches in eine Sphäre des „Großen Krieges“ von weltgeschichtlicher Bedeutung, dessen katastrophales Ende zwei von ihnen – Otto und Lily Braun – nicht erleben sollten.

Zur Person:
Dorothee Wierling ist Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg sowie stellvertretende Direktorin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Derzeit lehrt und forscht sie als Gerda Henkel Visiting Professor am Deutschen Historischen Institut, London, und an der London School of Economics. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Oral History sowie Geschlechter- und Generationengeschichte. An wichtigen Veröffentlichungen sind etwa zu nennen: „Geboren im Jahr Eins: Der Geburtsjahrgang 1949 in der DDR, Versuch einer Kollektivbiographie“ (Chr. Links, 2002) sowie neuestens „Eine Familie im Krieg: Leben, Sterben und Schreiben 1914-1918“ (Wallstein, 2013).

Zum Sammelband:
Der Erste Weltkrieg kann ohne die analytische Kategorie Geschlecht nicht ausreichend dokumentiert und verstanden werden. Der im Anschluss an eine internationale Tagung der Forschungsplattform „Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext“ (29.9.20 –1.10.2011, Universität Wien) entstandene Band untersucht hierzu wichtige Aspekte – nämlich die Beziehungen von »Heimatfront« und Front, Gewalt, Pazifismus, und Bürgerinnenrechte. Er betont so die Relevanz von Geschlecht im stark expandierenden Feld der Forschungen zum Ersten Weltkrieg. Die breite Palette an Themen und Fallstudien – u.a. zu stark heroisierten britischen und französischen Frauenfiguren, österreichisch-ungarischen Kriegskrankenschwestern, italienischen „Portatrici“, geschlechtsspezifischen Darstellungen der Trauer und der modernen Kriegstechnik – bietet eine länderübergreifende und vergleichende Herangehensweise. Studien zu West- und Mitteleuropa sind ebenso vertreten wie solche zu in der internationalen Weltkriegsforschung meist marginalisierten Regionen wie Italien, Österreich-Ungarn und Litauen.
 

9. April 2014
Gerald Hirtner: Bäuerliche Selbstzeugnisse im Ostalpenraum

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Stephan Steiner

Abstract:
Selbstzeugnisse abseits der gesellschaftlichen Eliten erfreuen sich seit Jahren verstärkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Besonders rar sind bäuerliche Schreibprodukte des Ostalpenraums. Auf Basis einer induktiven Herangehensweise wird diesen Texten von der gegenwärtigen Forschung eine besondere Aussagekraft und ihren Autoren „qualifizierte Zeugenschaft“ (Jan Peters) zugeschrieben. Neueste Forschungen haben bisher kaum bekannte Texte zu Tage gefördert und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Das Spektrum bäuerlicher Schriftproduktion ist breit gefächert und zeigt die quantitative Leistungsfähigkeit bäuerlicher Schreiber, die mitunter zusammenhängende, narrative Texte im Umfang von mehreren hundert Manuskriptseiten schufen. Exemplarisch sollen drei Beispiele aus dem späten 18. Jahrhundert vorgestellt werden: ein Haus- und Familienbuch, eine Enzyklopädie und eine Klosterchronik. Die bloß handschriftlich überlieferten Texte waren ursprünglich für einen kleinen, lokalen Leserkreis gedacht und wurden demnach überwiegend auf dieser Ebene rezipiert. In der komparatistischen Analyse potenziert sich hingegen ihr Wert und es eröffnen sich vielfältige interdisziplinäre Forschungsmöglichkeiten.

Zur Person:
Gerald Hirtner ist Archivar der Erzabtei St. Peter in Salzburg. Forschungsschwerpunkte: Regional- und Ordensgeschichte unter besonderer Berücksichtigung des Erzstifts Salzburg. Veröffentlichte unter anderem eine Edition eines bäuerlichen Selbstzeugnisses.

30. April 2014
Johannes Mattes: Erlesene Geschichten – Geschichte erlesen. Zur Relevanz und Methodik des Lesens im Geschichtsunterricht

Moderation: Marianne Klemun

Abstract:
Die seit 2000 in dreijährigen Abständen durchgeführte PISA-Studie machte in alarmierender Form bewusst, dass nicht ausschließlich Schulbücher die sprachlichen Fähigkeiten der Heranwachsenden überschätzen, sondern auch die Lesekompetenz der österreichischen Schüler sich zunehmend verschlechtert. Lesen als elementare Kulturtechnik, welche unseren intermedialen Umgang mit Quellen, Sachtexten und den damit verknüpften Bildern oder Objekten bestimmt, bildet eine wesentliche Voraussetzung für historisches Verstehen. Im Unterschied zum Sprachunterricht, der u.a. auf die Lesefertigkeit abzielt, steht in der Geschichtsvermittlung die Entwicklung eines historischen Textverständnisses im Zentrum. Von Lehrern und Schülern häufig als unbefriedigende Schulbuchlektüre bzw. lautes Vorlesen verstanden, bietet Quellenarbeit im Unterricht zahlreiche Anknüpfungspunkte sich in aktiver Form historisches Wissen, Methoden und ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu erlesen. Der Vortrag geht im ersten Abschnitt der theoretischen Frage nach, wie durch Lesen im Geschichtsunterricht historisches Verstehen gefördert wird. Im zweiten Teil werden konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für den Unterricht vorgestellt.

Zur Person:
Johannes Mattes, geb. 1983, Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Wien, seit  2009 AHS-Lehrer am BG/BRG Gottschalkgasse, 2013 Promotion in Geschichte, Generalsekretär des Verbandes Österr. Höhlenforscher, Co-Editor „Die Höhle – Zeitschrift für Karst und Höhlenkunde“.

7. Mai 2014
Julia Walleczek-Fritz / Stefan Wedrac: Das Forum „Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“ stellt sich vor

Moderation: Hannes Leidinger

Abstract:
Das "Forum: Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg" versteht sich als eine offene, partizipative Informationsplattform von und für Wissenschafter und Wissenschaftlerinnen der unterschiedlichsten Disziplinen aus den verschiedensten Staaten, die sich mit unterschiedlichen Aspekten Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg beschäftigen. Das Forum soll aber auch als Plattform für Diskussionen über neue Theorien, Zugänge und Forschungsdesiderata etabliert werden. Fragen, die bei den Veranstaltungen im Vordergrund stehen sollen, umfassen zum Beispiel die folgenden:  Wie kann man die augenblicklichen Forschungsschwerpunkte und Ziele benennen? Was hat sich seit den großen "Langzeitperspektiven-Thesen" getan? Dies führt zurück zu der schon von Hobsbawm angeführten Fragestellung, was man wann unter Weltkriegen überhaupt verstehen kann. Verbunden mit der Hervorhebung des Krieges als Zäsur und Ereignis sind sozusagen auch immer die Gegenbilder zu beachten – haben die Ereignisse 1914-18 wirklich so starke Wirkung wie in der Wissenschaft angenommen? Kann der Erste Weltkrieg eher als Höhepunkt von Kontinuitäten und langsamen Veränderungsprozessen gesehen werden. Allemal interessant ist der ideengeschichtliche Ansatz, den "modernen Maschinenkrieg" auf die Frage der Demokratisierung oder auf das genaue Gegenteil hin (Führerprinzip) zu untersuchen. Es stellt sich auch die Frage, wie die Forschung in den verschiedenen Ländern aussieht? Dies sind nur einige Fragen, die wir hoffen in naher Zukunft diskutieren zu können.

Zu den Personen:
Julia Walleczek-Fritz, Dr. phil., Mitarbeiterin eines FWF-Forschungsprojektes zu den Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg (Leitung Verena Moritz)
Stefan Wedrac, Dr. phil., Mitarbeiter am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Lehrbeauftragter am IES Vienna

14. Mai 2014
Anton Tantner: Zwischen Anti-Riot-Maßnahme und Klassenkampf: Zur Kulturtechnik der Nummerierung von Homer bis Nelson Mandela

Moderation: Li Gerhalter

Ganz gleich, ob es sich um den Austropoper Wolfgang Ambros („A Mensch möcht i bleibn und net zur Nummer möcht i werdn.“, 1974) oder die britische Hardrockformation Iron Maiden („I am not a number, I am a free Man“, 1982) handelt, durch die kulturellen Äußerungen des 20. Jahrhunderts zieht sich ein Unbehagen, anstelle eines aus Buchstaben bestehenden Namens mit einer aus Zahlen bestehenden Nummer angerufen zu werden.
Ausgehend von diesem Befund – der angesichts der Gewalterfahrungen des „Jahrhunderts der Extreme“ nur zu verständlich erscheint – möchte ich eine bislang nur wenig beachtete, erst zu entdeckende Forschungslandschaft vorstellen, nämlich die Geschichte einer Kulturtechnik, die einem Objekt oder Subjekt – etwa einer Buchseite, einem Bibelvers, einem Ton, einem Regiment, einem Fiaker, einem Sträfling oder einer Polizistin – eine Zahl vergibt, um Objekt oder Subjekt eindeutig identifizierbar zu machen. Die enge Fokussierung auf ein so umgrenztes Forschungsthema wie die Nummerierung erlaubt es, wild durch die Jahrhunderte zu surfen, wobei der Austausch mit ExpertInnen z. B. aus der Altertumsforschung, Archivkunde, Kunstgeschichte sowie Sprach-, Religions- und Musikwissenschaft nur zu erwünscht ist.

Zur Person:
Anton Tantner ist im SS 2014 Gastprofessor am Institut für Geschichte; er bloggt unter http://adresscomptoir.twoday.net und ist auf Twitter unter @adresscomptoir aufzufinden; Homepage mit "Galerie der Hausnummern": http://tantner.net

21. Mai 2014
Franz Leander Fillafer: Die Aufklärung und ihr Erbe in der Habsburgermonarchie, 1790–1848

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Anton Tantner

Abstract:
Dieser Vortrag beschäftigt sich mit der Aufklärung und ihrem Erbe in der Habsburgermonarchie zwischen den 1790er Jahren und 1848. Mit den Strukturen der Epoche hat sich die Historiografie wenig abgegeben, das Personal ist bestenfalls aus Fernseh-Schmonzetten bekannt. Einige Lichtgestalten wie Erzherzog Johann übten vor Salzkammergutkulisse zaghafte Kritik am Regime Metternichs; Romantiker wie Adam Müller antichambrierten bei Kaiser Franz. Dazu kommen frühliberale Märtyrer des Polizeistaats wie der Prager Priesterphilosoph Bernard Bolzano. Hinter diesem Bündel von Eindrücken steht ein Erklärungsansatz größeren Kalibers: die Kontinuität zwischen Spätaufklärung und Liberalismus. Der Liberalismus berief sich auf die Aufklärung, während die Restauration angeblich auf das Barock zurückgriff. Diese Geschichte ist fesselnd und erbaulich, hat aber einen Schönheitsfehler: sie ist ein Produkt der liberalen Charmeoffensive in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Erbe der Aufklärung, auf das sich die Liberalen des Jahres 1848 bezogen, entstand im Vormärz. In diesem Vortrag möchte ich anhand von Quellen aus der Rechtsdogmatik, der Theologie, der politischen Ökonomie und der Philosophie ein neues Bild der Übergänge der Aufklärung vom Geschehen zur Geschichte zeichnen. Daneben sollen über den zentraleuropäischen Raum hinausgreifende Aspekte angeschnitten werden, vor allem in zweierlei Hinsicht: was lässt sich aus der Situation in den habsburgischen Ländern für eine kritische Sichtung der aktuellen Rezepturen und Sortierelemente der Aufklärungsforschung (J. Israel, J. Robertson, D. Edelstein, J.G.A. Pocock) lernen? Was bedeuten die Befunde für die Methoden der Ideengeschichte zwischen historischer Semantik und Analyse politischer Sprachen?

Zur Person:
Franz Leander Fillafer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Leibniz-Forschungsstelle „Globale Prozesse“ von Jürgen Osterhammel in Kostanz.

28. Mai 2014
Thomas Wallnig, Manuela Mayer, Thomas Stockinger, Irene Rabl, Ines Peper, Cornelia Faustmann: Monastische Aufklärung und die benediktinische Gelehrtenrepublik. Eine Projektbilanz

Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract:
Seit 2008 befasst sich eine Forschungsgruppe im Rahmen eines FWF-Start-Projektes mit Fragen der vormodernen Gelehrsamkeit im kirchlichen, insbesondere im klösterlichen Bereich. Da das Projekt voraussichtlich Anfang 2015 abgeschlossen sein wird, ist der Vortrag einer kritischen Reflexion der bisher erarbeiteten Ergebnisse gewidmet: Die Projektmitglieder werden die Edition der Korrespondenz der Brüder Pez, deren digitalisierten Nachlass sowie Publikationen und weitere geplante Projekte vorstellen. Zwei Hauptanliegen sollen dabei deutlich gemacht und zur Diskussion gestellt werden: die Integration von Fragen der Quellenedition und -erschließung mit dem breiteren Kontext der Digitalen Geisteswissenschaften; sowie die Möglichkeiten einer neuen methodologischen Standortbestimmung von vormoderner Gelehrsamkeitsforschung, die ohne theologisches Anliegen nach einer adäquaten Sprache auch für den „katholischen“ Teil der „Gelehrtenrepublik“ zu suchen begonnen hat.
Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter www.univie.ac.at/monastische_aufklaerung

Zu den Personen:
Alle Vortragenden sind Mitglieder des FWF-Start-Projekts „Monastische Aufklärung“, das seit 2008 am Institut für Geschichte sowie am Institut für Österreichische Geschichtsforschung angesiedelt ist (ausführliche Lebensläufe und weitere institutionelle Zugehörigkeiten sowie Angaben zu weiteren Projektmitgliedern finden sich unter www.univie.ac.at/monastische_aufklaerung/de/arbeitsgruppe/).

4. Juni 2014
Manfried Rauchensteiner: Zwischen dem Griff nach der Weltmacht und den Schlafwandlern: Österreich-Ungarn und die Entfesselung des Ersten Weltkriegs

Moderation: Andrea Brait

Abstract:
Der 100. Jahrestag der Entfesselung des Ersten Weltkriegs gibt Anlass zu Großveranstaltungen und Verlegenheiten. Österreich sieht sich ohne es regelrecht gewollt zu haben und ohne sich dessen anfänglich bewusst geworden zu sein, in eine wissenschaftliche Diskussion eingebunden, die zwischen traditionellen und regelrecht revisionistischen Sichtweisen angesiedelt ist und bisweilen aktionistische Züge erhält.
Wissenschaftliche Publikationen sind nicht alles. Ausstellungen, Film- und Fernsehproduktionen, Tagungen, Diskussionsveranstaltungen und zahlreiche andere Aktivitäten kennzeichnen ein Geschehen, für das der Doppelmord in Sarajevo 1914 Anlass und Vorwand sind. Die Suche nach den Gedächtnisorten hält an. Eine Zwischenbilanz.

Zur Person:
Studium Geschichte und Germanistik an der Universität Wien. Dr. phil. 1966. Anschließend absolvierte er bis 1968 das Institut für Österreichische Geschichtsforschung. Seit 1966 Historiker am Militärwissenschaftlichen Institut des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien. 1975 Habilitation. Univ.-Dozent, dann a.o. Univ.-Professor für österreichische Geschichte Universität Wien. Lehrtätigkeiten an der Univ. Innsbruck sowie an der Landesverteidigungsakademie und der Diplomatischen Akademie in Wien. Von 1988 bis 1992 Leiter des Militärhistorischen Dienstes im Bundesministerium für Landesverteidigung, danach bis 2005 Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums, anschließend Koordinator und Berater beim Aufbau des Militärhistorischen Museums in Dresden. Zahlreiche Monografien, Sammelbände und kleinere Publikationen zur österreichischen Geschichte, Mitarbeit an Fernsehproduktionen und Kurator zahlreicher Ausstellungen (zuletzt: „An Meine Völker! Der Erste Weltkrieg 1914–1918“ in der ÖNB).


11. Juni 2014
Joachim Neurieser: Jugendwiderstand im Nationalsozialismus am Beispiel der Gruppe Landgraf

Moderation: Andrea Brait

Will man die Geschichte des Nationalsozialismus über die realen Alltagserfahrungen, den persönlichen Lebenswelten der sogenannten „kleinen Leute“ in all ihrer Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit erschließen, so muß das auch für den Teil der Gesellschaft gelten, der größtenteils seine Kindheit und Jugend unter nicht demokratischen bzw. offen diktatorischen Verhältnissen erleben musste. Lange Zeit blieben die Jugendlichen, deren Lebensumstände und Gefühlswelten im NS-Staat in der Forschung unberücksichtigt, was besonders auch für jene galt, die aus unterschiedlichen Gründen als Gegner des herrschenden Regimes auftraten, vom nonkonformistischen Protest und Ungehorsam bis zum organisierten politischen Widerstand.
In Wien bildete 1941 der Gymnasiast Josef Landgraf mit drei Freunden, allesamt im Alter zwischen 16 und 18 Jahren und aus unterschiedlichen sozialen Milieus stammend, eine Gruppe gleich Gesinnter, die aus eigenem Antrieb selbständig und ohne irgendwelche organisatorischen Verbindungen gegen Krieg und Willkürherrschaft und für den Sturz des NS-Regimes auftraten, weil sie deren grundsätzlichen Unrechtscharakter schon früh erkannten und radikal ablehnten.
Ohne dabei eine klare politische Programmatik zu verfolgen, stand die Hoffnung auf einen Sieg der westlichen Demokratien gegen den Hitlerfaschismus und der Kampf für Werte wie Humanismus und Toleranz im Vordergrund ihrer Handlungen, die hauptsächlich im Abhören sogenannter „Feindsender“ (deutschsprachige Programme der BBC), deren inhaltlicher Verarbeitung und Verbreitung via Flugblättern bestanden.
Während die Geschichte von anderen Widerstandsgruppen, die aufgrund ihrer Analogie bzgl. Struktur, Aktionismus, Verhaftung, Todesurteil für den Anführer in der Wissenschaft als „Vierergruppen“ bezeichnet werden, inzwischen recht gut dokumentiert ist, fehlt für die Wiener Gruppe Landgraf eine derartige Einzeldarstellung noch.
Im Zentrum des Projekts stehen die dramatischen persönlichen Erinnerungen des Protagonisten, wobei, um der Gefahr einer „anekdotischen Beliebigkeit“, wie sie der Memoirenliteratur zuweilen anhaftet, zu begegnen, der subjektive Text durch historisch verlässliche wissenschaftliche Kommentare begleitet und zahlreiche zeitgenössische Quellen ergänzt wird. Eine erfolgreiche Ausstellung, Diskussionsveranstaltungen und Lesungen etc. bildeten zudem weitere Programmpunkte im Rahmen dieses zeithistorischen Unternehmens.

Zur Person:
Studium der Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Wien, zusätzliche Ausbildung als akad. geprüfter Marktforscher (Institut für Publizistik, Wien), arbeitet als freier Historiker, Dokumentar und Kulturvermittler, ist Mitinitiator von JUNA, einer Plattform zur Dokumentation von Jugend & Jugendwiderstand im Nationalsozialismus (NPO)

18. Juni 2014
Jenny Öhmann (Uddevalla/Schweden): Die Schweden kommen. Prag 1648

Jour fixe des Instituts für die Erforschung der Frühen Neuzeit

Moderation: Renate Schreiber

Abstract;
Im Juli 1648, in der allerletzten Stunde des Dreißigjährigen Krieges, überfielen die Schweden unter General Hans Christoph Königsmarck Prag. Der Erfolg stärkte die schwedische Verhandlungsposition in Westfalen. Der Überfall war nicht nur eine völlige Überraschung für die Kaiserlichen sondern brachte außerdem eine große Kriegsbeute für Schweden. In Prag thematisieren die Fremdenführer bis heute die Geschichten von 1648.
Fraglos schmückt diese Kriegsbeute noch heute Palais und Museen in Schweden, wenn auch wahrscheinlich nicht ganz so viele, wie manche glauben. Das Bild der Schweden als Eroberer und Plünderer lebt immer noch, obwohl es mehr als 350 Jahre her ist und die Zeit als Großmacht nur relativ kurz war. Anhand von schwedischen Quellen versuche ich der Frage nachzugehen, welche Kostbarkeiten damals erbeutet wurden, wohin sie gelangt sind und welchen Einfluß diese auf die geistige und kulturelle Entwicklung Schwedens hatten.
Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte sich Schweden an vielen Hilfsaktionen in Österreich. Als Dankeschön erhielt Schweden im Jahr 1920 das Koller Gustav Adolfs zurück, das anläßlich der Schlacht von Lützen 1632 als Kriegsbeute ins Kaiserhaus kam. Heute ist es in der Leibrüstkammer Stockholm ausgestellt.

Zur Person:
1971 in Schweden geboren, 1994 Lehramt in Schwedisch/Sozialwissenschaft an der Universität Göteborg; 1999 Magister der Geschichte Universität Göteborg/Wien, mit der Diplomarbeit "Morgen kommt der Schwed’…"; 2004 Promotion in Wien - Titel der Dissertation:  "Schwedens Weg aus dem Dreissigjährigen Krieg: Zwischen Subsidien und Separatfrieden 1634-1644." In dieser Arbeit wird das diplomatische Agieren Schwedens und Österreichs im Dreissigjährigen Krieg beleuchtet, besonders die Verhandlungen zwischen Wien und Stockholm in der Phase zwischen dem Tod König Gustav II. Adolf und dem Beginn des Westfälischen Friedenskongresses. Derzeit Arbeit an einem Projekt über "Die schwedische Plünderung in Prag 1648" (gemeinsam mit univ.Doz Robert Rebitsch, Innbruck und Prof. Jan Kilian).

Auswahl aus den Publikationen:
Die Schlacht bei Lützen – aus schwedischer Sicht. In: ”Sintflut und Simplicissimus” Österreich und Polen im 17. Jahrhundert, Heeresgeschichtliches Museum 2012
”1920 der schwedischen Nation gewidmet”, in: VIRIBUS UNITIS, Jahresbericht 2007 des Heeresgeschichtliches Museum
Der Kampf um den Frieden. Schweden und der Kaiser im Dreissigjährigen Krieg. Militärgeschichtliche Dissertation, Band 16, Wien 2005
”Elsa Björkman-Goldschmidt – durch ihre Bücher gesehen”, in: Österreich im Norden. Der Norden in Österreich. Forschungen trifft Praxis, Tagungsband. Mattias Langheiter-Tutschek (Hrsg) Wien 2003

25. Juni 2014 Bibliothek des Instituts für Geschichte: LesesaalPodiumsdiskussion: Kino/Macht/Männer. Repräsentationen von Männlichkeiten im deutschsprachigen Kino 1945–2000Abstract:Die Podiumsdiskussion nimmt zwei kürzlich erschienene Bücher von Maria Fritsche und Christopher Treiblmayr zum Thema Männlichkeiten im Film zum Anlass, um zu diskutieren, wie das Kino an der Konstruktion von Geschlecht mitwirkt und damit in gesellschaftliche Entwicklungen eingreift. Kommentiert der Film lediglich bestehende Geschlechterverhältnisse und schreibt gängige Geschlechterbilder fest, indem er sie repliziert? Oder agiert der Film vielmehr als verändernde Kraft, die bestehende Geschlechterverhältnisse aufbricht und neue Männlichkeits- und Weiblichkeitsentwürfe popularisiert? Vier ausgewiesene Expert/innen im Bereich der Männlichkeitsgeschichte erörtern die Frage, wie Männlichkeit produziert und reproduziert wird und welche Rolle Massenmedien in der Konstruktion von Geschlechterverhältnissen spielen. Der inhaltliche Schwerpunkt der Diskussion liegt auf einem Vergleich von Männlichkeitsidealen, die das österreichische Kino in den 1950ern propagierte sowie der filmischen Darstellung von männlicher Homosexualität im deutschen Kino der 1990er Jahre.Eingeleitet und begleitet wird die Diskussion von Prof. Wolfgang Schmale, der die Relevanz von Männlichkeit als Forschungskategorie in der Geschichtswissenschaft thematisiert. Prof.in Christa Hämmerle moderiert die Diskussion.Die Veranstaltung findet in Kooperation mit QWien. Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte statt. Im Anschluss wird zu einem Umtrunk gebeten.Zu den Personen:Maria Fritsche ist Associate Professor für moderne internationale Geschichte an der University of Science and Technology in Trondheim, Norwegen. Homemade Men in Postwar Austrian Cinema: Nationhood, Genre and Masculinity. New York/Oxford: Berghahn 2013.Christa Hämmerle ist ao. Universitätsprofessorin für Neuere Geschichte und Frauen-/Geschlechtergeschichte am Institut für Geschichte an der Universität Wien. Gender and the First World War. Hg. mit Birgitta Bader-Zaar u. Oswald Überegger. Basingstoke: Palgrave McMillan 2014.Wolfgang Schmale ist Vizedekan der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und o. Universitätsprofessor für Geschichte der Neuzeit am Institut für Geschichte an der Universität Wien. Mein Europa. Reisetagebücher eines Historikers. Köln: Böhlau 2013.Christopher Treiblmayr ist Assistent für Geschichte der Neuzeit am Institut für Geschichte der Universität Wien. Bewegte Männer. Männlichkeit und männliche Homosexualität im deutschen Kino der 1990er Jahre. Köln: Böhlau 2014 (= L’HOMME-Schriften 19).