Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 2007

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Thomas Fröschl
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

7. März: Daniel BERTSCH (Münster/Westfalen)
„Der österreichische Diplomat Anton Prokesch von Osten (1795-1876) und der Islam“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Anton Prokesch von Osten versuchte vorurteilslos die vielfältige Kultur des Osmanischen Reiches zu verstehen. Von seinen diplomatischen Posten in Athen und Konstantinopel aus vermittelte er ein Bild des Orients, das gängigen Ansichten der Zeit widersprach. Es war ihm ein Anliegen, darüber zu schreiben, dass der Mensch des Orients kein Barbar, sondern hoher kultureller Errungenschaften fähig sei und dass der Osmane keiner Bevormundung eines fortschrittsgläubigen Europa bedürfe. Durch die Beschäftigung mit den Religionen des östlichen Mittelmeerraums gewann Prokesch-Osten Einsichten in die Funktion der osmanischen Gesellschaft. Sein Verständnis des Islam sicherte ihm konkurrenzloses Vertrauen an der Hohen Pforte. Während in Europa nach dem Krimkrieg ein von Fanatismus und Barbarei gekennzeichnetes Feindbild „des Mohammedaners“ verbreitet und zur Rechtfertigung imperialistischer Politik funktionalisiert wurde, hielt Prokesch-Osten dem Westen ein Gegenbild von sozialer Gesittung und Toleranz entgegen. Wie sich seine Anschauungen vom Islam entwickelten und wie die Wahrnehmung der islamischen Welt im Europa des 19. Jahrhunderts aussah, möchte der Vortragende vorstellen.

Zur Person: Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Byzantinistik, Völkerkunde und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster, an der Universität Ioannina (Griechenland) und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Franziskaner und Kapuziner in Münster. Magisterexamen 1997, Promotion 2002 mit einer Arbeit über Anton Prokesch von Osten. DAAD-Stipendiat in Wien und in Graz. Seit 1999 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Byzantinistik der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster.

14. März: Karin ZELENY (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giorgiones "Drei Philosophen’: eine philologische Entschlüsselung“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Giorgiones Gemälde mit den drei Philosophen gilt als eines der rätselhaftesten der Renaissance. Ihre Kleidung ist auffällig: Der Sitzende lässt sich durch sein Gewand als Grieche oder Christ einordnen. Der zweite trägt einen Turban – ein Moslem? Der dritte ist durch gelbe Kleidung als Jude gekennzeichnet. Die bisherige Sicht der Wissenschaft ist gespalten: Wollte Giorgione auf den Dialog mit dem Islam und dem Judentum anspielen? Oder sind drei konkrete antike Philosophen abgebildet? Aber welche? Mit Hilfe von antiker und humanistischer Literatur lässt sich das Rätsel schlüssig lösen.

Zur Person: Studium der Klassischen Philologie, Mittel- und Neulatein in Wien, Diplomarbeit (im Rahmen der ÖAW-Kommission für antike Literatur): Die Göttin Hekate in den Historiae deorum gentilium des Lilius Gregorius Gyraldus, unter bes. Berücksichtigung der Rezeption Hekates in humanistischen Handbüchern und Kommentaren des 16. Jh.; Dissertation: Itali Modi – Akzentrhythmen in der lateinischen Dichtung der augusteischen Zeit. Lektorin im Kunsthistorischen Museum.

21. März: Martin GIERL (Göttingen - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
„Wissenschaftsprojektemacherei, Computer und der Staat: Sprats Royal Society, Swifts Lagadian Academy und Leibniz’ Königlich-Preußische Sozietät“
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Um 1700 waren die Wissenschaften auf dem Weg. Es ist die Zeit der „wissenschaftlichen Revolution“ hin zur „experimentellen Philosophie“ und zum empirischen Wissen. Die Wissenschaften sollten praktisch werden, hieß es. Es war die Zeit der Akademien, eine Zeit unglaublicher Projektemacherei – und vieles davon ist Realität geworden und Grundlage unserer Lebenswelt. Der Vortrag skizziert mit Sprat, Swift und Leibniz frühaufklärerische Vorstellungen von Wissensorganisation und ihren praktischen Hintersinn im Utopischen, in den Akademien und für den Staat. Man entblöde sich nicht, die Sonne wieder aus den Gurken ziehen zu wollen, schrieb Swift. Alles beruht auf Null und Ein, antwortete Leibniz darauf.

Martin Gierl – zur Person: „Zunächst habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Dissens interessiert, dafür wie Konflikte kommuniziert werden und wie dabei Gruppen, Identitäten und Verhaltensmuster entstehen. Daraus ist meine Dissertation Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts’ entstanden. Dann habe ich mich für den Zusammenhang von Geschichte und Konsens interessiert, dafür wie Pläne, Planung, Zustimmung und Geltung entstehen, wie Geschichte als Institutionalisierungsprozess funktioniert. Hieraus ist die Habilitation Geschichte und Organisation. Institutionalisierung als Kommunikationsprozess am Beispiel der Wissenschaftsakademien um 1900’ entstanden. Ich habe am Max Planck Institut für Geschichte, Göttingen, am Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin, am European University Institute, Florenz, an der Clark Library, Los Angeles, an der Universität Göttingen sowie an der FU-Berlin gearbeitet.“

28. März: Árpád von KLIMÓ (Berlin - dzt. Gastprofessor am Institut für Geschichte in Wien)
“Die Habsburgermonarchie und die Nationale Meistererzählung. Österreichische, slowakische, tschechische und ungarische historiographische Identitätskonstruktionen in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive“
Moderation: Gernot Heiss

Abstract: Seit dem 19. Jahrhundert entstanden in Europa miteinander konkurrierende oder sich anderweitig aufeinander beziehende nationale historische Meistererzählungen. Vor allem im intellektuellen Umfeld der Nationalbewegungen verfestigten sich solche narrative Grundstrukturen, die als abgehobene Metaebene der konkreten Texte über Geschichte zu verstehen sind. Sie bezogen sich auf ältere, dynastische oder adlig-ständische Muster ebenso wie sie auch Ideen der Französischen Revolution oder der Romantik aufnahmen. Die vier innerhalb der Habsburgermonarchie sich entwickelnden nationalen Meistererzählungen, die sich auf die österreichische, slowakische, tschechische und ungarische Geschichte bezogen, standen in einem sehr engen wechselseitigen, teilweise geradezu komplementären Verhältnis zueinander. Im Vortrag werde ich dieses Beziehungsgeflecht im Bezug auf einige den Meistererzählungen eigene Identitätskonstruktionen und Exklusionen analysieren.

Zur Person: geb. 1964 in Heidelberg, 1995 Promotion im Rahmen des Berliner Graduiertenkollegs "Gesellschaftsvergleich in ethnologischer, historischer und soziologischer Perspektive", 1996-1999 Stipendiat der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und des Collegium Budapest, 2001. Habilitation Freie Universität Berlin, 1999-2003 Wiss. Mitarbeiter
Humboldt-Universität Berlin, 2004 Visting Professor International University Bremen, seit 2004 Projektmitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Veröffentlichungen: "Ungarn seit 1945" (Göttingen 2006), "Rausch und Diktatur" (Hg.
zus. mit Malte Rolf, Frankfurt/M. 2006), "Nation, Konfession, Geschichte. Zur nationalen Geschichtskultur Ungarns im europäischen Kontext (1860-1948)" (München 2003), "Staat und Klientel. Administrative Eliten in Preußen und Italien (1860-1918) (Vierow 1998).

18. April: Marko DEISINGER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Giuseppe Tricarico, Kapellmeister der Kaiserin Eleonora II. Leben und Werk (1623–1697)“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Mit der Publikation mehrerer um 1650 in Rom gedruckter Werke trat der aus Gallipoli (Apulien) stammende Komponist Giuseppe Tricarico ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Ende 1654 ging er zusammen mit Kardinal G. B. Spada, dessen Kapellmeister er war, von Rom nach Ferrara. Dort übernahm Tricarico den Kapellmeisterposten in der Accademia dello Spirito Santo, blieb aber gleichzeitig im Dienst des Kardinals, der für drei Jahre das Amt des päpstlichen Legaten in der Stadt ausübte. Im August 1657 wurde Tricarico an den Wiener Kaiserhof berufen, um die neu gegründete Hofkapelle der Kaiserin-Witwe Eleonora II. zu leiten. In seiner fünfjährigen Amtszeit schrieb er Kirchenmusik, Sepolcri, Oratorien, weltliche Kantaten und Opern. Einige seiner Werke sind Kaiser Leopold I. gewidmet, dessen Liebe zur Musik die Kaiserin mit musikalischen Unterhaltungen unterstützte. Ende 1662 legte Tricarico sein Amt nieder und trat die Heimreise nach Gallipoli an.

Zur Person: Studium der Geschichte in Klagenfurt und der Musikwissenschaft in Wien, Promotion 2004, Titel der Dissertation: Giuseppe Tricarico, Maestro di Cappella della Maestà dell’Imperatrice. Eine Untersuchung zu Leben und Werk des Komponisten in Wien (1657–1662) mit besonderer Berücksichtigung der „Opere a cappella“. 2005–2007 Forschungsstipendien des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur am Historischen Institut beim Österreichischen Kulturforum in Rom, Thema: Giuseppe Tricarico (1623–1697).

25. April: Sonia HORN (Wien)
„Continuum Medicum. Ein virtuelles Archiv für die Geschichte des Gesundheitswesens in Mitteleuropa.“
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Im Rahmen von zahlreichen Initiativen wird in verschiedenen Kulturinstitutionen – etwa in regionalen Museen – auf das Alltagsleben der Bevölkerung Bezug genommen. Der Umgang mit Gesundheit und Krankheit ist dabei ein wichtiges und interessantes, allerdings auch sehr komplexes Thema. Vielfach finden sich in kleinen Archiven und Museen schriftliche und dingliche Quellen – etwa Testamente, Gerichtsakten, Kauf- oder Heiratsverträge –, die jedoch kaum zugänglich sind. Diese ergänzen die in größeren Archiven vorhandenen seriellen Quellen und verbinden in Listen genannte Menschen mit tatsächlichen Schicksalen. Im Internet können diese verstreuten Quellen zusammengeführt und aufbereitet werden, sodass sich eine Informationsplattform ergibt, die für verschiedenste Fragestellungen genützt werden kann. Der heutige Grenzraum zwischen der Tschechischen Republik, Österreich und Ungarn war in der Geschichte ein in vielfacher Hinsicht zusammenhängender, aber auch getrennter Bereich mit hoher Migration. Dies ist auch der Grund dafür, dass Quellen zur Alltagsgeschichte den Archiven und Museen in verschiedenen Staaten zu finden sind, was deren Benützung jedoch erschwert. Ziel des Projektes Continuum Medicum ist es, Quellen, die den alltäglichen Umgang mit Gesundheit und Krankheit veranschaulichen, im virtuellen Raum zusammen zu führen, zu erschließen und mit Erklärungen zu versehen, um diese für verschiedene Zielgruppen zugängig zu machen. Partner im Projekt „Continuum Medicum“ sind die Abteilung für kulturelles Erbe der Medizinischen Universität Wien, das Archiv der Karlsuniversität Prag und die Erzabtei Pannonhalma.

Zur Person: Studium der Medizin an der Universität Wien (Dr. med.), Studium der Geschichte an der Universität Wien (Mag. phil., Dr. phil.). 1983-1989 studentische Mitarbeiterin in tumordiagnostischen und mikrobiologischen Projekten der 2. Chirurgischen und der 1. Medizinischen Universitätsklinik Wien, 1989-1995 drittmittelfinanzierte Assistentin am Institut für Geschichte der Universität Wien, anschließend Turnusärztin, 2002-2004 Gastprofessorin am Lehrstuhl für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der ELTE Budapest, 2003-2006 Herta Firnberg Stipendiatin am Institut für Geschichte der Medizin der medizinischen Universität Wien, 2004 Habilitation im Fach „Geschichte der Medizin“ (ao. Univ.-Prof.); 2004, 2005 und 2006 Visiting Scholar Department for History and Philosophy of Science, Univ. Cambridge. Seit Oktober 2006 Kulturgüterbeauftragte der medizinischen Universität Wien und Leiterin der Abteilung für kulturelles Erbe.

Im Anschluss lädt das Team von "Continuum medicum," zu einem Glas Wein aus den Kellereien der Erzabtei Pannonhalma ein.

2. Mai: Heide DIENST (Wien)
Moderation: Edith Saurer

Achtung: Geändertes Thema!

„Sic igitur iste Heinricus dictus, Joch sam mier Got’ factus est primus dux Austrie“.
Zum Transfer bayerischer Errungenschaften nach (Nieder-)Österreich um die Mitte des 12. Jahrhunderts und zur historiographischen und politischen Verarbeitung der Ereignisse vom September 1156 in Österreich bis zur Gegenwart.

Manches von dem, was der bayerische Herzog Heinrich (1141-1156) in seinem Herzogtum und in dessen Hauptstadt Regensburg kennen und schätzen gelernt hatte, verpflanzte er in das kleine neue Herzogtum, wie etwa Münzprägung, Stiftung eines Klosters für „Schotten“mönche und Anlage einer Burg im Areal des alten Römerlagers Vindobona, wichtige Elemente für die allmähliche Stadt- und Residenzwerdung von Wien. Anhand von Bild- und Textbeispielen werden diese Tatsachen veranschaulicht werden. Das zweite Hauptaugenmerk ist auf die historiographische Verarbeitung und ideologischen Besetzung der Vorgänge von 1156 gerichtet, Vorgänge, deren Wahrnehmung und interpretatorische Vereinnahmung für aktuelles Selbstverständnis und für aktuelle Ideologien in Österreich durch Jahrhunderte durch das Privilegium maius bzw. den Maius-Komplex geprägt war und zum Teil heute noch ist. Einzelne Aspekte dieses umfangreichen Fragenkomplexes werden in Quellenanalysen in dem Vortrag zur Sprache kommen.

9. Mai: Benjamin SCHELLER (Berlin)
„Wo einstmals die Judayca war“. Räume und Identitäten konvertierter Juden und ihrer Nachkommen im spätmittelalterlichen Süditalien.
Moderation: Dana Cerman-Stefanova

Abstract: Um das Jahr 1292 kam es auf dem süditalienischen Festland zu einem Ereignis, das einen Einschnitt in der Geschichte Europas bedeutete, dennoch aber auf keiner Zeittafel zur europäischen Geschichte zu finden ist: zur ersten Massenkonversion von Juden zum Christentum. Der Vortrag fragt nach den Konsequenzen dieser Massenkonversion für Räume und Identitäten der Konvertiten und ihrer Nachkommen und nach den Wechselbeziehungen zwischen Räumen und Identitäten. Dabei geht es vor allem um die Frage, inwiefern räumliche Ordnungen und ihr Wandel die Inklusion der Konvertiten und ihrer Nachkommen in bzw. ihre Exklusion aus der christlichen Gesellschaft auf der einen Seite widerspiegelten, auf der anderen Seite aber auch produzierten.

Zur Person: Studium der mittleren und neueren Geschichte, der Soziologie und Politologie an den Universitäten Frankfurt am Main, an der Freien Universität und an der Humboldt-Universität Berlin 1990-1995. Promotion im Fach Mittelalterliche Geschichte 2002 mit einer Arbeit zum Thema: „Memoria an der Zeitenwende. Die Stiftungen Jakob Fuggers des Reichen vor und während der Reformation (ca. 1505 bis 1555)“ (erschienen 2004). Seit 2002 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Mittelalter I (Prof. Borgolte) am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Derzeit Gastwissenschaftler als Fedor-Lynen Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung am Centro Interdipartimentale di Studi Ebraici, Università degli Studi di Pisa. Gegenwärtiges Forschungsprojekt: „Zwischen Inklusion und Exklusion: Konvertierte Juden und ihre Nachkommen im Königreich Neapel des späten Mittelalters (1292 bis 1514)”

16. Mai: Studierende des Forschungsseminars an der Universität Wien / Institut für Geschichte (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle“
Moderation: Irmgard Pangerln, Martin Scheutz und Thomas Winkelbauer

Abstract: Das Leben am Wiener Kaiserhof ist in vielen Bereichen erstaunlich schlecht erforscht, sodass etwa nicht klar ist, wie man bei Hof im 17. und 18. Jahrhundert Weihnachten feierte, wie Geburtstage begangen wurden oder wie man die Feste der (alten und neuen) Landesheiligen sowie der länderübergreifenden „Staatsheiligen“ (Joseph von Nazareth, Johannes von Nepomuk) beging. Auf der Grundlage der seit 1652 geführten und im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv aufbewahrten Zeremonialprotokolle, in denen der protokollarische Ablauf bei Hof schriftlich und mitunter sogar bildlich festgehalten wurde, wird diesen und anderen Fragen exemplarisch nachgespürt. Im Mittelpunkt eines aus einem Forschungsseminar an der Universität Wien hervorgegangenen Bandes der Reihe „Forschungen und Beiträge zur Wiener Stadtgeschichte“, der beim Jour fixe präsentiert wird, stehen unter anderem die folgenden Themen: höfische Kommunikation und Repräsentation; die Öffentlichkeit des Hofes und das Zeremoniell bei Prozessionen, Schautafeln, Kirchgängen usw.; die differenzierte Beteiligung der einzelnen Hofämter; die Kommunikation von Hof und Untertanen; die Zeichenhaftigkeit des höfischen Handelns; etc. In einem umfangreichen Quellenanhang werden erstmals die Instruktionen für die Inhaber verschiedener Hofämter (vom Obersthofmeister abwärts) sowie mehrere Ordnungen (Kammerzutrittsordnungen, Hofklagsordnungen/Hoftrauerordnungen) etc. ediert und damit der internationalen Hofforschung zugänglich gemacht.

Zu den Personen: Johanna Atzmannstorfer, Studium: Geschichte (Diplom); Adam Christian, Studium: Geschichte (Diplom); Philipp Dittinger, Studium: Geschichte (Diplom); Ruth Frötschel, Studium: Geschichte (Diplom); Michaela Kneidinger, Studium: Geschichte (Diplomstudium) und Slawistik (Tschechisch); Hansdieter Körbl, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), derzeit Doktoratsstudium, abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaften; Irene Kubiska, Studium: Geschichte (Diplom) und Romanistik (Spanisch, mit Erasmus-Semester in Spanien); Ines Lang, Studium: Geschichte (Diplom); Stefan Seitschek, Studium: Geschichte, klassische Archäologie, Alte Geschichte/Romanistik (Spanisch); Karin Schneider, Studium: Geschichte (abgeschlossenes Diplom), Ausbildungslehrgang am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, abgeschlossene Dissertation, interimistische Leiterin des Archivs Tulln; Christina Schmücker, Studium: Mittlere und Neuere Geschichte, Erziehungswissenschaft, Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde (Gastsemester in Wien im Rahmen des Sokrates-Austausches aus Bonn); Anna-Katharina Stacher-Gfall, Studium: Germanistik und Geschichte; Roland Starch, Studium: Geschichte (Diplom); Bettina Weisskopf, Studium: Geschichte und Sozialkunde/Geographie und Wirtschaftskunde, Geschichte (Diplom); Dagmar Weltin, Studium: Geschichte (Diplom); Astrid Wielach, Studium: Geschichte (Diplom), Bakkalaureat Hungarologie; Jakob Wührer, Studium: Geschichte (Diplom), Magisterstudium „Geschichtsforschung, Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft, Geschichtsforschung“

23. Mai: Gerhard DREKONJA (Wien)
"Raus mit den großen alten weißen Männern - oder wer darf wie über die Dritte Welt schreiben?"
Moderation: Edith Saurer

Abstract: Der Vortragende verwendet die Kontroverse um die (indianisch-guatemaltekische) Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú, um über die neuesten Entwicklungen in der Lateinamerika- und Dritte-Welt-Forschung zu referieren, wo eine junge Generation eine radikale Kritik an der kanonisierten Wissenschaftlichkeit der metropolitanen Führungsuniversitäten vorbringt. Da der Vortragende selber zu den "alten weißen Männern" gehört, flicht er seinen eigenen - mäandernden - Weg, auf der Basis einer langen intellektuellen Vagabondage in Lateinamerika, mit ein.

Zur Person: Gerhard Drekonja, geboren 1939 in Kornat im Lesachtal in Kärnten, Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft an der Universität Wien, der Cornell-Universität (als Fulbright Stipendiat) und dem Institut für Höhere Studien. In den 1960er, 1970er und teilweise 1980er Jahren verschiedene Tätigkeiten in und über Lateinamerika, als Korrespondent, Entwicklungsexperte, Risk-Analyst und Forscher. Professor an der Universidad de los Andes in Bogotá, Gastprofessor an der Florida International University, "Research Associate" der University of Pittsburgh. Co-Direktor des Ludwig Boltzmann - Instituts für Lateinamerika-Forschung. Seit 1990 Ordinarius für "Außereuropäische Geschichte" an der Universität Wien. Zuletzt erschien sein editorischer Text "Havanna: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft" (LIT Verlag März 2007).

Im Anschluss an den Vortrag von Herrn Prof. Gerhard Drekonja (ca. 19:45 Uhr) lädt das Insitut für Geschichte zu einem kleinen Empfang im Institut für Geschichte im 2. Stock ein.

30. Mai: Camilla PRELLER (Wien)
“Mapuche-Indianer vs. Benetton – Die Debatte um das Museo Leleque in Patagonien“
Moderation: Gerhard Drekonja

Abstract: Seit etlichen Jahren steht die Renaissance der Indigenen Lateinamerikas, die inzwischen auch Argentinien erreicht hat, im Brennpunkt des allgemeinen Interesses der Südamerikaforschung. Auch die Mapuche im patagonischen Süden besinnen sich (wieder) auf ihre Identität, was konsequenterweise zu Reibepunkten zwischen den Kulturen führt. Im Zentrum meiner Analyse steht die mehrschichtige, konfliktive Beziehung zwischen den Mapuche und der italienischen Firma Benetton. Die „Estancia Leleque“, der Großgrundbesitz des inzwischen transnationalen Konzerns, befindet sich auf ehemaligem Mapucheland, das die Indigenen – medienwirksam inszeniert – zurückzuerhalten versuchen. Besonders konfliktär ist die Institution des Museo Leleque auf der gleichnamigen Estancia, eine Art Kristallisationspunkt der unterschiedlichen Ideologien und Selbstverständnisse. Denn unter dem Titel „Patagonia – its history“ interpretiert Benetton die Geschichte der Region und spannt den Bogen von den frühen indigenen Wurzeln zur Ära der patagonischen Pioniergesellschaft im frühen 20. Jh.; allerdings aus seiner Perspektive. Wie stellt das Museum die Mapuche dar? Was wird erzählt und was nicht? Inwiefern wird das Museum von den Mapuche und von Vertretern der alternativen Geschichtsschreibung Argentiniens kritisiert? All dies sind Fragen, denen ich in meinem Vortrag Kontur und Interpretation angedeihen lassen werde.

Zur Person: Studium an der Universität Köln von 2001 bis 2004 (Regionalwissenschaften für Lateinamerika); Auslandssemester in Perugia (“Lingua e cultura italiana“) und Salamanca, 2004 Studienwechsel nach Wien (Internationale Entwicklung); im Herbst 2006 eine zweimonatige Forschungsreise nach Patagonien zum Thema „Mapuche vs. Benetton – Identitäten, Territorialitäten und Konflikte in Chubut, Argentinien“; Studienabschluss voraussichtlich 2007.

6. Juni: Martin STEFANIK (Bratislava)
„Kriminalität im mittelalterlichen Pressburg“
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Eine interessante Quelle für die Erforschung der „Unterwelt“ im späten Mittelalter bietet das sog. „Aechtbuch“ aus den Jahren 1435–1519. Das älteste Gerichtsbuch der Stadt Bratislava/Preßburg enthält insgesamt 49 Gerichtsfälle, wovon 48 Straffälle sind. Da es meistens um Mehrfachtäter ging, beinhalten diese Gerichtsfälle 238 Straftaten verschiedenster Art: von Raubmord bis zu Ehebruch und Blutschande, Brandstiftung oder Falschspiel. Am häufigsten (154 mal) sind Raubüberfälle und Diebereien vertreten. Man kann auch die Anfangsformen organisierter Kriminalität beobachten. In zahlreichen Fällen ist es möglich, das weitere Schicksal der weggenommenen Gegenstände zu verfolgen.

Zur Person: Studium des Archivwesens und der Geschichte. 1998 Magister-Abschluss, 2000 Rigorosum, 2003 Doktorats-Abschluss. Seit 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Historischen Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften. Lehrtätigkeit: 2001/2002 an der Philosophischen Fakultät der Komenius-Universität Bratislava; 2004/2005 Gastdozent für Slowakische Geschichte an der Albert-Ludwigs Universität Freiburg/Breisgau.

13. Juni: Matteo Burioni (Basel) - in Kooperation mit dem IEFN
„Vasaris ‚rinascite’: Wiedergeburt der Kunst und Bändigung des Bildes?“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: Im Vortrag soll die Breite des Renaissance-Begriffes bei Vasari ausgelotet werden: denn „rinascita“ ist keineswegs nur ein historiographischer Terminus, er wird auch mit theologischen Untertönen „risuscitare", mit anthropologisch-naturwissenschaftlichen Anklängen „vivacità“, „vita“ und er ist zudem mit dem memoria- und fama-Gedanken verknüpft. Die Vorstellungen von „Wiedergeburt“ sind also vielfach und in die frühneuzeitlichen Konzepte von Leben, Nachleben, Wiedergeburt und Wiederauferstehung eingebettet. Hier soll angesetzt und gefragt werden, ob Vasari eine konstitutive „Nachträglichkeit“ der Bilder thematisiert (etwa in dem Sinne von Warburgs Nachleben oder Didi-Hubermans „Anachronismus“) oder ob er diese „Nachträglichkeit“ nur durch eine Historisierung „gezähmt“ hat (dies ist die These von Didi-Huberman).

Zur Person: Studium der Kunstgeschichte und Soziologie in Frankfurt am Main und Pisa; 2003–2005 Doktorandenstipendium am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut); Promotion 2005 mit einer Arbeit über die Künstlerbiographie der Renaissance; seit Oktober 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Basel im Nationalen Forschungsschwerpunkt Bildkritik.

20. Juni: Pieter M. Judson (Swarthmore College)
“Ort der Nationsbildung oder der bitteren Enttäuschung? Die Sprachgrenze um 1900”
Moderation: Margarete Grandner

Abstract: In the decades before 1914, nationalists in Imperial Austria labored to transform linguistically mixed rural regions into politically charged language frontiers. They hoped to remake local populations into polarized peoples, and their villages into settings for the kind of political conflict that dominated institutions in the rest of Imperial Austria. But nationalists were often bitterly frustrated by bilingual villagers who preferred cultural mixing and who remained stubbornly indifferent to nationalism well into the 20th century. Using examples from several rural regions, including the Böhmerwald and Südsteiermark, I trace the nationalist struggle to consolidate the loyalty of local populations behind nationalist causes. Whether German, Czech, or Slovene, the nationalists faced unexpected difficulties in their attempt to make nationalism relevant to local populations, and to bind people permanently to one national community. I examine several strategies developed by nationalist activists, from the founding of minority language schools to the importation of colonists from other regions, from projects to modernize rural economies to the creation of local tourism industries. Nevertheless, by 1914, I argue that nationalists had largely failed in their project to nationalize local populations.

Zur Person: Dr. Pieter M. Judson is Professor of History at Swarthmore College (Philadelphia), Editor of the „Austrian History Yearbook“, and author of „Guardians of the Nation: Activists on the Language Frontiers of Imperial Austria“ (2006). He received his Ph.D. from Columbia University in 1987. He has written books and articles on 19th-century liberalism, on the history of gender, on the rise of tourism, and on nationalism and anti-Semitism in the period 1880-1945. His 1996 book „Exclusive Revolutionaries: Liberal Politics, Social Experience, and National Identity in the Austrian Empire 1848-1914“ won prizes from the American Historical Association and the Austrian Cultural Forum. His book „Wien brennt! Die Revolution 1848 und ihr liberales Erbe“ (1998) commemorated the 150th anniversary of the Revolutions of 1848 in Austria. Judson is also the co-editor with Marsha Rozenblit of the book „Constructing Nationalities in East Central Europe“ (2004). Judson has twice received Fulbright Fellowships to Vienna, and in 2000 he was a fellow at Vienna’s Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK). He has also received fellowships from the German Marshall Foundation and the American Academy in Berlin. He serves on the editorial boards of the journals „Central European History“ and „Contemporary Austrian Studies“ and as an advisor to the „Österreichischer Wissenschaftsfonds“.

27. Juni: Christian HOLTORF (Berlin) – in Zusammenarbeit mit der ÖAW / Institut für Mittelalterforschung
„Die Beschleunigung der ‚Ströme’: Warum rauschen Telegrafenkabel unter Wasser?“
Moderation: Thomas Fröschl

Abstract: Die ersten telegrafischen Unterseekabel führten im Vergleich zu Landdrähten zu einem unerwarteten Effekt: Sorgsam telegrafierte Signalströme kamen beim Empfänger als Kauderwelsch an. Um das Rauschen der Kommunikation zu beseitigen, war ein neues physikalisches Verständnis von Elektrizität erforderlich, das nicht mehr von der Kontinuität der Stromleitung ausging, sondern auf der feldtheoretischen Regulation ihrer Geschwindigkeit beruhte. Die Beseitigung des telegrafischen Rauschens zeigt modellhaft, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts Technologien entwickelt wurden, die Kontrolle über die auf vielen Feldern spürbaren Beschleunigungsprozesse gewinnen sollten. Die neuen Techniken wurden durch den Wandel von sprachlichen Zuschreibungen unterstützt: Während der Verlegung der ersten transatlantischen Telegrafenkabel ist ein Übergang von einem mit Metaphern des Blutkreislaufs verbundenen Nachrichtenverkehr zur temporeichen Informationsübermittlung analog zu Nervenbahnen zu erkennen. Der Vortrag fragt, was die Elektrophysik des Atlantikkabels zur Beschleunigung der Gesellschaft beigetragen hat und ob der Nachrichtenstrom zuerst an der falschen Körpermetapher gescheitert ist.

Zur Person: Christian Holtorf, geboren 1968. Studium der Geschichte, Philosophie und Psychologie in Marburg und Berlin. Seit 2000 Wissenschaftlicher Referent am Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Promovierte am Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin über das erste transatlantische Telegrafenkabel. Letzte Veröffentlichungen: (Hg. mit Claus Pias): Escape! Computerspiele als Kulturtechnik, Köln/Weimar 2006 (in Vorbereitung); Die Modernisierung des nordatlantischen Raumes: Cyrus Field, Taliaferro Shaffner und das submarine Telegraphennetz von 1858, in: A. Geppert, U. Jensen, J. Weinhold (Hrsg.): Ortsgespräche. Raum und Kommunikation im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld 2005.

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