Geschichte am Mittwoch (GaM) im SS 2006

Ort: Universität Wien - Institut für Geschichte, HS 45
Zeit: Mittwoch, 18.00 c.t. - 20.00 Uhr

Wenn Sie per Mail eingeladen werden wollen, mailen Sie bitte an folgende Adresse: veranstaltungen.geschichte@univie.ac.at

Organisation und Planung: Thomas Fröschl
Für die IEFN-Vorträge: Susanne Pils

 

8. März: Andreas GUGLER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Ein kaiserlicher Haushalt“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: 1747 unter Maria Theresia gegründet, war die Mobiliendirektion bis zum Ende der Monarchie für die Ausstattung der kaiserlichen Schlösser mit Möbeln zuständig. Nach 1918 wurde das Mobiliendepot vereinigt mit verschiedenen Hofdienststellen wie der Silber- und Tafelkammer, der Hofküche- und Zuckerbäckerei, dem Hofkeller und der Wäschekammer. Seit den 1920er Jahren sind Teile der Sammlungen in zwei Museen für die Öffentlichkeit zugänglich. Bis heute ist die Institution jedoch auch repräsentativer Ausstatter der Republik Österreich – vom roten Teppich bis zum Staatsbankett.
Zur Person: Studium an den Universitäten Marburg/Lahn und Wien: Volkskunde, Kunstgeschichte und Pädagogik; 1993 Mag. phil.; Diplomarbeit (Volkskunde): Glasveredlung zwischen Tradition und Innovation. 1997–1999 Projektmitarbeit: Studien zu den Festen an den Habsburgerhöfen der Frühen Neuzeit; 1995–2003 freier Mitarbeiter in den Museen des Mobiliendepots Wien, seit 2003 Mitarbeiter in der wissenschaftlichen Leitung des Mobiliendepots.

15. März: René TEBEL (Wien)
„Zum Quellenwert von Schiffsdarstellungen auf Karten aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit“
Moderation: Herwig Weigl

Abstract: Schiffsdarstellungen bilden einen auffälligen Bestandteil der nicht-geographischen bildlichen Ausgestaltung alter Karten. Ihr dekorativer Charakter und die zahlreichen stereotypen Abbildungen auf Karten des 17. Jahrhunderts verdecken dabei, dass Schiffsdarstellungen in der europäischen Kartographie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als Teil der Karteninformation fungierten. Sie boten dem Kartenautor die Möglichkeit, sein Publikum mit allgemein bekannten maritimen Sachverhalten oder sogar mit vertiefenden Informationen zu versorgen. Eine Kernfrage dieses Vortrages wird es sein, festzustellen, inwieweit nun der Kartenautor die Information auf den angesprochenen Kundenkreis ausrichtete und welche Möglichkeiten der Auswertung sich hieraus für Historiker und Historikerinnen ergeben.
Zur Person: René Tebel ist Univ. Ass. am Institut für Geschichte der Universität Wien.

29. März: Alessandro CATALANO und Katrin KELLER
„Die Tagzettel des Kardinals Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667). Dimensionen und Schwerpunkte eines Forschungsprojektes“
Moderation: Thomas Winkelbauer

Abstract: Kardinal Ernst Adalbert von Harrach (1598-1667), Sohn eines bedeutenden Wiener Hoffunktionärs und über 40 Jahre Erzbischof von Prag, war ein Mann mit ausgeprägtem Informationshunger und eben solchem Mitteilungsbedürfnis. Seine geradezu unstillbare Neugier auf die neuesten Meldungen aus der römischen Kurie, von den Kriegschauplätzen seiner Zeit und aus den Gerüchteküchen des Wiener Hofes ebenso wie auf Meldungen von Geburt, Hochzeit und Tod in der adligen Gesellschaft in Wien und Prag ließen ihn zu einem dankbaren Abonnenten zahlreicher Zeitungen und zu einem der wohl produktivsten Briefeschreiber seiner Generation werden. Seine Position im Zentrum eines ausgedehnten Korrespondenznetzes war untrennbar verbunden mit der Produktion und Versendung eigener „Tagzettel“ in italienischer und deutscher Sprache, in denen er Mitteilungen über seinen Tagesablauf mit Informationen aus den verschiedensten Bereichen von Politik, Militär, Kunst und adliger Gesellschaft kompilierte und seinen Korrespondenten und Korrespondentinnen in Rom, Prag, Wien und anderswo zugänglich machte. Seit Juli 2005 befasst sich ein Forschungsprojekt am Institut für Geschichte der Universität Wien mit dieser einzigartigen Quelle; der Vortrag wird inhaltliche Schwerpunkte und Funktionen der Tagzettel sowie die Ziele des Forschungsvorhabens genauer beschreiben.
Zu den Personen: Alessandro Catalano, Slawist und Historiker, 2002 Promotion in Rom, seit 2003 Mitherausgeber der Internet-Zeitschrift eSamizdat, Forschungsschwerpunkte: Geschichte Böhmens, Kulturtransfer (Italiener in Mitteleuropa), Adel in der Frühen Neuzeit
jüngste Publikationen: Sole rosso su Praga. La letteratura ceca tra socialismo e underground (1945-1959). Un’interpretazione (Rom 2004); La Boemia e la riconquista delle coscienze. Ernst Adalbert von Harrach e la Controriforma in Europa centrale (1620-1667) (Rom 2005).
Katrin Keller, Historikerin, Dozentin am Institut für Geschichte, Forschungsschwerpunkte: Adel und Hof in der Frühen Neuzeit, Frauen der höfischen Gesellschaft, Geschichte Sachsens jüngste Publikationen: Hofdamen. Amtsträgerinnen im Wiener Hofstaat des 17. Jahrhunderts (Wien 2005); Katrin Keller / Martin Scheutz / Harald Tersch (Hg.), Einmal Weimar - Wien und retour. Johann Sebastian Müller und sein Wienbericht aus dem Jahr 1660 (Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 42, Wien-München 2005)

5. April: Renate SCHREIBER (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
„Erzherzog Leopold Wilhelm. Eine biographische Annäherung“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: 1665 erschien die erste – und bisher einzige – Biographie zu Erzherzog Leopold Wilhelm (1614–1662), verfasst wurde sie vom Jesuiten Nicolo Avancini. Dieses hagiographische Werk prägt bis heute die Beurteilung der Person Leopold Wilhelms. Erzherzog Leopold Wilhelm wurde von seinem Vater, Kaiser Ferdinand II., bereits als Kind zum (mehrfachen) Bischof eingesetzt. Zweimal übertrug ihm sein Bruder, Kaiser Ferdinand III., im Dreißigjährigen Krieg den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen. Neun Jahre übernahm er im Auftrag des spanischen Königs Philipp IV. die Statthalterschaft in den Spanischen Niederlanden. In dieser Zeit trug er in Brüssel eine der bemerkenswertesten Kunstsammlungen zusammen, die sich – zum großen Teil bis heute – im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet. Nach dem Tod seines Bruders stand er – kurzfristig – als dessen Nachfolger zur Debatte. Wie fasste er seine geistlichen Ämter auf? Wie erfolgreich war seine militärische Laufbahn? Besaß er innerhalb der Familie Habsburg politischen Einfluss? Nach intensiven Recherchen in verschiedenen Archiven habe ich versucht, anhand zahlreicher Briefe und anderer Quellen, eine aktuelle Sicht auf den Erzherzog, dem nahezu unbekannten Mitglied des Kaiserhauses, zu ermöglichen.
Zur Person: Studium der Geschichte und Theaterwissenschaft an der Universität Wien (Sponsion 1998, Promotion 2001). Publikation: „ein galeria nach meinem humor“ – Erzherzog Leopold Wilhelm, Wien 2004 (Schriftenreihe des Kunsthistorischen Museums 8).

26. April: Jérôme SEGAL (Paris/Wien)
“Die Informationstheorie im Spannungsfeld zwischen Natur- und Geisteswissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg“
Moderation: Mitchell ASH (Institut für Geschichte)
Kommentar: Albert MUELLER (Institut für Zeitgeschichte)


Abstract: Während die Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften trotz aller Rufe nach Interdisziplinarität heute immer breiter wird, hatte der Zweite Weltkrieg eine Konstellation geschaffen, in der eine junge wissenschaftliche Theorie eine Annäherung der "two cultures" begünstigte: die Informationstheorie. Sie belebte die alte Idee von der Einheit des Wissens wieder. Ihre Ursprünge liegen in den 1920er Jahren und in drei wissenschaftlichen Bereichen: der Physik, der Statistik und der Telekommunikation. Der Krieg wirkte als Katalysator, denn er verband Personen, Interessen und Fördermittel. Geisteswissenschaften wie die Psychologie oder die Linguistik spielten bei der Entwicklung der Informationstheorie zu dieser Zeit eine wichtige Rolle. Philosophische Bewegungen wie der Strukturalismus waren von diesem Kontext sehr geprägt. Um ein einheitliches „Weltbild" zu formen, fehlte es aber an einer Institutionalisierung. Seit den Siebzigerjahren gibt es Bestrebungen, den kybernetischen Ansatz weiterzuführen, wobei die wissenschaftliche Legitimation dieser Arbeiten umstritten ist. Für den Wissenschaftshistoriker stellt sich die Frage, was der Prüfstein für die Wissenschaftlichkeit dieser Arbeiten sein könne und ob er überhaupt berufen ist, Urteile über wissenschaftliche Arbeiten zu fällen.
Zur Person: geb. 1970, 1993 Dipl.-Ing. der Ecole Centrale de Lyon,1995-1998 Doktorand im Fach Geschichte an der Universität Lyon 2 und am Centre-Marc-Bloch (Berlin). 1998 Promotion an der Universität Lyon 2 mit einer Dissertation über die Geschichte der Kybernetik. 1999-2000 Post-Doc am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin) in der Abteilung von Hans-Jörg Rheinberger, dort Forschungen über die Geschichte von Visualisierungstechniken in der Biologie am Beispiel der Proteinfaltung. Seit 2000 Dozent (maître de conférences) am IUFM in Paris und seit 2001 Forscher am Centre Cavaillès (Ecole Normale Supérieure, Paris). - Autor eines Buchs und von über 20 Aufsätzen (abrufbar unter http://jerome-segal.de).

3. Mai: Arno STROHMEYER (Bonn/Gastprofessor am IfG im SS 2006)
„Die Konstruktion des Anderen: Fremdwahrnehmungen von Diplomaten in Europa im 16. und 17 Jahrhundert“
Moderation: Alfred Kohler

Abstract: Die rasche Veränderung der Welt, die Globalisierung, der weltumspannende Massentourismus und transnationale Migrationsbewegungen führen gegenwärtig zu einer Inflation an Fremdwahrnehmungen. Diese sind allerdings kein Spezifikum unserer Zeit, denn es handelt sich um eine Grunderfahrung menschlicher Existenz. Mit der Frage, wie die Menschen in der Frühen Neuzeit Fremdheit erlebten, beschäftigt sich die Forschung schon seit längerer Zeit. Sie blickt dabei besonders auf Reiseberichte, Emigrationswellen und die Perzeption der Neuen Welt. Kaum Aufmerksamkeit schenkte sie jedoch Diplomaten, obwohl diese zu dem sehr kleinen Teil der Bevölkerung zählten, der aufgrund seiner großen geographischen Mobilität tiefgehende kulturelle Brüche zu bewältigen hatten.
Zur Person: Studium der Geschichte und Ethnologie an der Universität Wien; 1992 Promotion 1992, anschließend Mitarbeiter in verschiedenen Forschungsprojekten (seit 1996 in Deutschland), und 2003 Habilitation an der Universität Bonn. Lehraufträge an den Universitäten Bonn, Halle a. d. Saale, Leipzig und Wien. – Forschungsschwerpunkte: Politische Kultur, Internationale Beziehungen und Diplomatiegeschichte des 16.-19. Jahrhunderts mit den Raumbezügen Habsburgermonarchie, Heiliges Römisches Reich, Ostmitteleuropa und Europa.

10. Mai: Frank BECKER (Münster/Gastprofessor am IfG im SS 2006)
„Der 'Vorgeschobene Posten’ als 'Verlorener Posten’? William Howard Russell und die britische Berichterstattung vom Krimkrieg“

Abstract: Mit dem Krimkrieg beginnt ein neues Zeitalter der Kriegsberichterstattung. Viele Zeitungen entsenden eigene Korrespondenten auf den Kriegsschauplatz, die sich dort relativ frei bewegen können. Eine Zensur ihrer Reportagen findet kaum statt. Die Printmedien bringen ausführliche Berichte, die gefällig erzählt sein dürfen. William Howard Russell ist der bekannteste Pionier dieser Form der Kriegsberichterstattung gewesen. Seine Arbeit und ihr Resonanzraum, die britische Öffentlichkeit, stehen folglich im Mittelpunkt des Vortrags. Dabei soll erstens herausgearbeitet werden, welchen Wahrheitsbegriff die Berichterstattung aus dem Krimkrieg besaß und welche Techniken der Abbildung von Realität sie entwickelte. Zweitens geht es um die Frage, inwiefern sich die neuen Formen der öffentlichen Darstellung und Thematisierung des militärischen Konflikts in eine neue Deutungskultur des Krieges einfügten, die dem Aspekt der „nationalen Identifikation“ größeren Raum verschaffte. Im Krimkrieg entwickelten sich die strukturellen Voraussetzungen für eine solche „nationale Identifikation“, die zwar hier noch keine dominierende Rolle spielten, aber auf die mediale Inszenierung der Nationalkriege der Folgezeit voraus wiesen. Dabei kam auch der Bildberichterstattung durch Einblattdrucke und Illustrierte Zeitschriften eine große Bedeutung zu.
Zur Person: Studium der Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Münster. Promotion in einem Graduiertenkolleg zur Historischen Konfliktforschung 1992. 1993/94 Postdoktoranden-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 1995 Wissenschaftlicher Assistent und Mitarbeiter am Historischen Seminar der Universität Münster. Habilitation 1998. Seither Forschungsprojekte zur Kolonialgeschichte (Deutsche Forschungsgemeinschaft) und zur Geschichte von Körperkultur und Sport im 20. Jahrhundert (Krupp Stiftung). Lehrstuhlvertretungen in Münster (2004) und Trier (2005).

17. Mai: Guido HINTERKEUSER (Berlin) – in Kooperation mit dem IEFN
„Der deutsche 'Reichsstil’ um 1700 – nur eine kunsthistorische Erfindung?“
Moderation: Friedrich Polleroß

Abstract: In seinem berühmten Aufsatz von 1938 „Die politische Bedeutung des deutschen Barocks (Der „Reichstil“)“ konkretisiert Hans Sedlmayr den noch jungen Begriff, indem er ihn mit der politischen Situation in Wien zwischen 1680 und 1705 verknüpft, die er durch ein erstarkendes Reichsbewusstsein gekennzeichnet sieht. Seine eindrücklichste Gestalt habe der Reichsstil in Fischer von Erlachs Entwurf für Schönbrunn gefunden. Die heutige Kunstgeschichte hat Sedlmayrs Theorie „als Wunschbild der 1930er Jahre“(Hellmut Lorenz) abgetan. Doch womöglich ist dieses Diktum nicht weniger zeitbedingt als Sedlmayrs Erklärungsmodell.
Zur Person: Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Italianistik in Köln, Bonn, Florenz und Berlin. 2002 Promotion an der Berliner Humboldt-Universität mit einer Arbeit zum Thema „Andreas Schlüter und das Berliner Schloss“. 1998–2003 tätig in diversen Schlösserstiftungen. Seit 2004 Mitarbeit bei der Erstellung der Rekonstruktionspläne für den geplanten Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Seit 2005 Lehrauftrag an der Berliner Humboldt-Universität.

24. Mai: Michael HOCHEDLINGER und Anton TANTNER (Wien)
„Von den Klagen des Volcks. Die Habsburgermonarchie am Vorabend der josephinischen Reformen“
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: In den Jahren 1770/72 bereisen die Offiziere des Mitregenten Josephs II. die westlichen Gebiete der Habsburgermonarchie; sie sind ursprünglich damit beauftragt, eine Volkszählung – die so genannte Seelenkonskription – sowie eine Hausnummerierung durchzuführen, doch schon bald werden ihre Aufgabengebiete erweitert: Sie sollen die Klagen des Volcks notieren, Berichte verfassen über die soziale und wirtschaftliche Lage in den einzelnen Ländern. Faszinierende Dokumente sind es, die dabei entstehen und die geradezu als Ausgangspunkt der josephinischen Reformen betrachtet werden können. Michael Hochedlinger und Anton Tantner haben diese so genannten „Politischen Anmerkungen“ ediert und werden auf dieser Grundlage einen Einblick in die inneren Verhältnisse der Habsburgermonarchie zur Zeit Maria Theresias und Josephs II. liefern. Edition zum Vortrag: Hochedlinger, Michael/Tantner, Anton (Hg.): „der größte Teil der Untertanen lebt elend und mühselig“. Die Berichte des Hofkriegsrates zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Habsburgermonarchie 1770–1771. (=Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs; Sonderband 8). Wien/Innsbruck/Bozen: Studienverlag, 2005
Zu den Personen: Michael Hochedlinger, geb. 1967, 1995-1999 Referatsleiter in der Forschungsabteilung des Heeresgeschichtlichen Museums, seit 1999 Bestandsgruppenleiter im Österreichischen Staatsarchiv, 2002 Gastprofessor University of St. Andrews, Schottland.
Anton Tantner, geb. 1970 in Wien, im SS 2006 IFK-Auslandsstipendiat in Paris; Homepage mit „Galerie der Hausnummern“ und Publikationsverzeichnis: http://tantner.net; Weblog: http://adresscomptoir.twoday.net

31. Mai: Teresa FRISCH-SOTO (Wien)
„Geschichte des Widerstandes in Lateinamerika im Lichte der neuen Regierungen Südamerikas“.
Moderation: Alfred Kohler

Abstract: Der Widerstand in Lateinamerika hat eine über 500jähriger Geschichte. Von den zahlreiche Rebellionen gegen die spanische Krone im XVI, XVII und XVIII Jahrhundert, über die Unabhängigkeitskriege im XIX, bis zu den Guerillas des XX Jahrhunderts, versuchten die Völker Lateinamerikas gegen das Joch des Imperialismus zu kämpfen. Im Zuge des Demokratisierungsprozesses ab den 70er Jahren und nicht zuletzt wegen der Niederlage des meist bewaffneten Widerstandes, wurden Regierungen gewählt, welche auf institutionellem Wege die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und Souveränität realisieren wollen. Manche Versuche, wie der von Salvador Allende in Chile, wurden blutig beendet, andere Länder wurden durch wirtschaftliche Sanktionen, Isolierung und politische Einmischung in der Enge getrieben. Nun scheint der Trend nach linkspopulistischen und sozialistisch gesinnten Regierungen in Südamerika als der Ausbruch einer neuen Epoche am Kontinent, in der wieder versucht wird, im Rahmen des Kampfes gegen den Neoliberalismus und die Globalisierung; ein besseres Leben für die Mehrheiten zu schaffen. So in Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Venezuela und Uruguay.
Zur Person: Teresa Frisch-Soto, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lektorin am Institut für Geschichte der Universität Wien, Studium der Soziologie und Fächer Kombinationen an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos sowie auf der Akademie der Angewandte Kunst in Lima, Peru. Studium der Geschichte in Wien. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien, beauftrag mit der Aufbau einer Dokumentationsstelle für Frauenforschung. 1998 Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Karl-Franzens- Universität Graz. Arbeitsschwerpunkt ist die Geschichte Lateinamerikas des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere die Ideengeschichte des Kontinents. Zahlreiche Publikationen über das Thema.

7. Juni: Alexandra COOK (Hong Kong)
„Die Herbarien von Jean-Jacques Rousseau: ein Philosoph wirbt für die Botanik“
Moderation: Marianne Klemun

Abstract: Während seines Exils in der Schweiz (1763-65) fing der Genfer Philosoph an, die Botanik zu lernen, und zwar nach dem Muster des schwedischen Naturwissenschaftlers Carl von Linné (1707-1778). Als einer der bekanntesten Philosophen des 18. Jahrhunderts erregte diese Begeisterung Rousseaus für die Botanik großes Aufsehen unter den Zeitgenossen; seine Verehrer bevorzugten Pflanzenstudien, nur um sich dem großen Mann anzunähren.
Rousseau bezeichnete sein Botanisieren als lässig und „paresseux“, aber diese Beschreibung stimmte nicht ganz. Der Botanik widmete Rousseau viel Zeit und Mühe, und er hinterließ mehrere einmalige Herbarien, davon sind noch einige in Montmorency, Chaalis, Paris und Zürich vorhanden. Diese Herbarien wurden sorgfältig und liebevoll angefertigt, sie wurden als eine Art Werbung für die Botanik den Freunden des Philosophen, wie etwa Lamoignon de Malesherbes und Julie Willading-Boy de la Tour, geschenkt. Rousseau beschäftigte sich mit dieser mühevollen Arbeit, weil er erstens glaubte, dass die Botanik vernachlässigt wurde, und zweitens, dass diese Wissenschaft einen moralischen Wert im dekadenten Zeitalter besäße. Er fand ein wichtiges Vorbild in Linné, der 1751 in seinem Werk Philosophia Botanica die Meinung äußerte, ein Herbarium sei besser als irgendein Bild und jedem Botaniker notwendig.
Zur Person: Dr. phil. Alexandra Cook (Jahrgang 1960) studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie an Wellesley College, der Universität von Virginia und der Cornell Universität. 2000 Veröffentlichung einer kritischen Übersetzung der botanischen Schriften Rousseaus ins Englische (The Collected Writings of Rousseau, Bd. 8, völlig neu nach Prüfung mehrerer Quellen bearbeitet). Sie hat auch mehrere wissenschaftlichen Artikel über Rousseaus Beziehung zur Botanik veröffentlicht; zur Zeit ist ein Buch über die botanische Tätigkeit des Genfer Philosophen (Jean-Jacques Rousseau als Botaniker) in Vorbereitung, die erste vollständige Untersuchung dieses Themas seit dem Werk von Albert Jansen (1885). Derzeit ist sie als Assistant Professor an der Universität von Hong Kong tätig.

14. Juni: Gerhard AMMERER und Alfred Stefan WEISS (Salzburg)
„Strafe, Disziplin und Besserung. Österreichische Zucht- und Arbeitshäuser von 1750 bis 1850“ (Buchpräsentation)
Moderation: Martin Scheutz

Abstract: Im Anschluss an die Forschungen von Hannes Stekl aus den 1970er Jahren und unter Berücksichtigung der neuen Forschungsaspekte der Kriminalitätsgeschichte haben wir in den letzten Jahren gemeinsam mit Elke Hammer-Luza, Helmut Beneder und Martin Scheutz an einem Projekt über die österreichischen Zucht- und Arbeitshäuser gearbeitet, wobei wir neben einem Überblick über die Entwicklung der einzelnen, sehr unterschiedlichen Institutionen vor allem zwei Aspekte besonders untersucht haben: Zum einen den Alltag der Zuchthausinsassen (Arbeit, religiöse Übungen, Speisepläne, Kleidung, Hygiene, Strafen, Belohnungen etc.), zum anderen den um 1800 geführten Gefängnisdiskurs und dessen Auswirkungen in der Praxis (Gesetze und deren Umsetzung, Neuerungen).
Unser Vortrag gliedert sich in drei Teile: Buchvorstellung (Gerhard Ammerer), das Wiener Zucht-, Arbeits- und Strafhaus (Martin Scheutz), Quellen zur österreichischen Zuchthausgeschichte (Alfred Stefan Weiß).
Zu den Personen: Gerhard Ammerer, geb. 1956 in Salzburg, Studium der Geschichte und Sozialkunde, Germanistik und der Rechtswissenschaften, Promotion zum Dr. jur. et Dr. phil. und Anstellung als Universitätsassistent 1985, Habilitation für das Fach Österreichische Geschichte 2000, Ernennung zum ao. Univ.-Prof. 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreichische Geschichte der Frühen Neuzeit, Kriminalitätsgeschichte, Geschichte der Minderheiten, regionale Wirtschaftsgeschichte.
Alfred Stefan Weiß, geb. 1964 in Schwanenstadt (OÖ.), Studium der Geschichte und Sozialkunde, Philosophie, Pädagogik und Psychologie in Salzburg, Doktorat 1993, Assistenzprofessor am Fachbereich Geschichts- und Politikwissenschaft seit 2001, Forschungsschwerpunkte: Österreich in der Frühen Neuzeit, Geschichte der Armut und der Kriminalität, Regionalgeschichte.

21. Juni: Brigitte RATH (Wien) – in Kooperation mit dem IEFN
“Das Lobbüchlein der Weiber“
Moderation: Karl Vocelka

Abstract: Der Text, der zwischen 1573-1588 in Köln von einer anonymen Autorin in der Tradition der "Querelle des femmes" verfasst wurde, blieb bisher völlig unbeachtet. Die im Text besprochenen Themen werden analysiert und im Kontext anderer Texte interpretiert.
Zur Person: Studium der Geschichte und Soziologie in Graz und Wien, zahlreiche Publikationen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte zu den Themen: Prostitution, Alltagsgeschichte von Ordensfrauen im Spätmittelalter, Kriminalität in der Frühen Neuzeit.

28. Juni: Anna L. STAUDACHER (Wien)
“Die jüdischen Konvertiten in Wien 1748-1914: Der Übertritt zum Christentum“
Moderation: Gerald Stourzh

Abstract: Etwa 14.000 Juden mögen in Wien im Zeitraum 1748 bis 1914 die Taufe angenommen haben - keine Zwangstaufen, jedoch unter massivem gesellschaftlichen und politischen Druck. Bis zum Jahr 1868 - den Interkonfessionellen Gesetzen - kam die Taufe einem Einbürgerungsverfahren gleich - Juden galten als Fremde. Mit der Taufe waren staatsbürgerliche Rechte, vor allem Rechtssicherheit verbunden. Von der Jahrhundertwende bis hin zum 1. Weltkrieg war ein jüdischer Namen existenzgefährdend - ein Recht auf Namensänderung hatten nach dem Hofkanzleidekret vom 5. Juni 1826 nur Konvertiten: Jüdische Eltern stellten Namensänderungsgesuche für ihre Kinder, nach mehrmaliger Abweisung traten sie selbst und ihre Kinder über: Nicht zur römisch-katholischen Kirche sondern zum Protestantismus. Der Übertritt zur katholischen Kirche war mit einer ehrenrührigen Abschwörungsformel verbunden, welche jene Religionsgemeinschaft diffamierte, der man zuvor angehört hatte, was in gleicher Weise Protestanten, Muslime und Juden betraf. In der Annahme der protestantischen Taufe kam zudem - ohne jedwede Abschwörungsformel - auch die Zuordnung zum deutschen Kulturkreis zum Ausdruck. - Zu diesen 14.000 kommen noch etwa 3000 zwangsgetaufte Kinder - Kinder aus jüdischen Unterschichten, die zur Aufnahme ins Wiener Findelhaus bis zum Februar des Jahre 1868 getauft wurden, zumeist uneheliche Kinder jüdischer Dienstboten, getauft im Wiener Gebärhaus, in den Pfarren der Inneren Stadt und der Vororte Wiens, von wo sie in das Wiener Findelhaus gebracht wurden. Es waren keine ausgesetzten Kinder, vielmehr mussten sie ins Findelhaus abgegeben, da ihre Mütter sogleich nach der Niederkunft wieder in den Dienst zu treten hatten. Zur Person: Studium der Geschichte in Wien, der Politologie und Romanistik in Lausanne und Genf, Mitglied des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung, seit 1989 Lektorin am Institut für Geschichte an der Univ. Wien, Projektleiterin einiger Projekte des Fonds zur wissenschaftlichen Forschung zur Geschichte der Juden in Österreich-Ungarn (Datenbank und Biographische Sammlung). Seit 1996 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften - für die Austrian Jewish Biography dem Institut Österreichisches Biographisches Lexikon zugeordnet. Venia Legendi 2000 mit der Habilitationsschrift: Wegen jüdischer Religion - Findelhaus. Zwangstaufen in Wien 1816-1868. Autorin der Konvertitenreihe im Verlag Peter Lang, bisher erschienen: Wegen jüdischer Religion Findelhaus (2001), Jüdische Konvertiten in Wien 1782 - 1868 (2002), Jüdisch-protestantische Konvertiten in Wien (2004) - in Vorbereitung steht die vierte Folge - Jüdische Konvertiten in Wien. Der Übertritt zur katholischen Kirche 1868 - 1908 (1914) in Wien. - Weitere Publikationen: http://homepage.univie.ac.at/Anna.Staudacher

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